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15.01.2018 Silvia Ellwanger, Züchterin "Vizsla vom Hardhof"

Magyar Vizsla: Das leider nicht mehr unbekannte Wesen

Wieso leider? Das denkt man gelegentlich in Anbetracht einer sehr "blauäugigen" Begeisterung für diese elegante Hunderasse. Die Schönheit, wobei natürlich jeder Vierbeiner für seine Leute schön ist, provoziert allzu häufig das Bedürfnis des eitlen Halters, sich damit schmücken zu wollen.

Magyar Vizsla Sally. (Foto: Silvia Ellwanger)

Ein "Modehund-Dasein" wird ohne artgerechte Auslastung zur Qualhaltung. Der Hund geht dabei wortwörtlich vor die Hunde. Die Freude und Begeisterung ist dahin, denn plötzlich ist es auch für den zweibeinigen Begleiter aus mit lustig. Der arme Hund landet dann nicht selten im Tierschutz. Wir wollen bestimmt niemandem diese tolle Rasse madig machen! Zugleich distanzieren wir uns von der Aussage, diese Rasse sei ausschließlich ein Hund für Jäger. Was uns privat betrifft, so führen wir unsere Hunde nicht jagdlich, obwohl Herrchen auf die Jagd geht. Dies muss man nicht verstehen - und man darf uns jedoch gerne dazu fragen.

Der Magyar Vizsla ist unbestritten hinsichtlich seiner Herkunft zunächst ein Jagdhund (siehe FCI Standard Nr. 57 kurzhaariger ungarischer Vorstehhund der Gruppe 7). Unsere Paprikanasen sind somit alle Abkömmlinge von ungarischen Arbeitslinien und haben als Vorstehhunde eine entsprechende Veranlagung und Eignung für den Einsatz in einem Niederwildrevier. Der sich anbahnende Konflikt lässt sich erahnen, wenn Jäger und Nichtjäger und hinzukommend noch Tierschützer miteinander diskutieren. Armes Deutschland! Das ist ernst gemeint, denn es ist unverständlich, warum man sich hierzulande auf hohem Niveau und Ross darüber streitet, wem ein Vizsla überhaupt gebührt. Die jagdlich geführten Verbänden, die das Hauptaugenmerk auf die Leistungszucht bzw. die jagdliche Eignung legen, verhalten sich ablehnend gegenüber den Verbänden der Körzucht, die abweichend von der ursprünglichen Bedeutung der Körung damit Schönheitsmerkmale bzw. Ausstellungserfolge verbinden. Es herrscht sehr wenig Kooperationsbereitschaft. Nur wenige Einzelpersonen schließen zuchtmäßig Synergien nicht grundsätzlich aus und würdigen mittlerweile sehr wichtige Organisationen wie Vizsla in Not.

Kommen wir zurück auf den eventuellen Wunsch, einen Vizsla-Welpen als Familienmitglied zu adoptieren. Da beginnt oft eine Odyssee, obwohl aufgrund der gestiegenen Nachfrage im Internet ein angepasst höheres Angebot besteht. Doch wer hat den gesuchten, passenden, gut geprägten und möglichst gesunden Hund? Wie selektiert man die Züchter, welche ihre Würfe sorgfältig planen und die Kleinen mit Sachverstand und Herzblut aufziehen und nur an verantwortungs-bewusste Käufer abgeben? Das gilt natürlich auch für andere Rassen. Und wird man fündig, dann sind diese Züchter meist die “Unbequemen“ mit tausend Fragen an den Interessenten . Möglicherweise fühlt man sich wie im Verhör, oder man hat Verständnis für deren Anliegen, einen bestmöglichen Platz für den Nachwuchs zu finden. Noch bevor die Hündin gedeckt ist, landet man i. d. R. auf einer Warteliste der Anwärter. Betrachtet man dies aus anderer Sichtweise, so leuchten einem etwaige Vorteile eines solchen Vorgehens ein: Man lernt die Hündin im hormonellen “Normalzustand“ zuvor kennen, mit Glück sogar den auserwählten Deckrüden. Man entwickelt Vorstellungen und Erwartungen hinsichtlich der Verpaarung, auf die man sehnlichst wartet, ohne die Anzahl und die Geschlechter zu diesem Zeitpunkt zu kennen. Seriöse Züchter halten ab diesem Zeitpunkt Kontakt und informieren über die weitere Entwicklung, beginnend vom Deckakt über den Ultraschall und letztendlich die Hundegeburt. Und wenn die Süßen in der Wurfkiste liegen, kann sich der Käufer deren Herkunft sicher sein. Anders als mit einer Meldung im Internet "Welpen zu verkaufen - 10 Wochen!" – denn darunter sind gelegentlich auch "Kuckuckskinder" ohne Nachweise und hinterlegte DNA der Elterntiere.

Die Importquote gefragter Welpen ist hoch, der "graue Ost-Markt" boomt. Diese armen Würmer wachsen bei Vermehrern in Ställen auf, werden der Hündin früh entzogen, erhalten nicht die erforderliche Prägung und werden dann mit gefälschten Papieren verkauft. Es gibt natürlich auch hervorragende Zuchten im angrenzenden Europa mit vergleichbarem Gesundheitsstandard. Denn letztlich kommt der Vizsla aus Ungarn, ist in Osteuropa verbreitet und wir benötigen diesen Genpool. Wir müssen sorgfältig prüfen, kooperieren und Synergien suchen, um geeignetes Zuchtmaterial zu finden. Indem jeder Kleinstverband “sein eigenes Süppchen kocht“, ist der Zugang zu neuen gesunden Linien verschlossen. So ist es nicht erwünscht, dass z.B. ein jagdlich geführter gesunder Rüde mit einwandfreiem Wesen eine eben-solche Hündin aus nicht jagdlichem Umfeld deckt. Ein gesunder Gen-Mix ist aber erforderlich, um diese wertvolle Rasse weiterhin als solche mit vielseitiger Begabung zu erhalten. Diese Vielseitigkeit erlaubt alternativ zur Jagd ebenso einen möglichen Einsatz als Therapie- oder Rettungshund. Ein Vizsla als Familienhund ist ein anstrengendes Vorhaben. Man kann sich erfolgreich darauf einlassen, wenn man viel Zeit, Konsequenz und unermüdliches Engagement einbringt.

Ein Vizsla benötigt Auslastung und dies nicht nur konditionell. Über Ausdauertraining alleine erhält man keinen glücklichen Hund. Was geschieht zudem im Winter, wenn wir nicht lange Rad fahren, joggen oder selbst körperlich einmal angeschlagen sind? Passender ist neben normaler regelmäßiger Bewegung eine mentale Beschäftigung mit Suchspielen, ZOS, Fährtenarbeit und vielem mehr. Längeres Alleinsein lässt ihn verkümmern. Als Schatten seiner Menschen will er überall dabei sein. Ohne genug Zeit wäre ein Vizsla sehr anstrengend. In Inseraten findet man oft Aussagen wie "für Anfänger geeignet, kinderfreundlich, katzenverträglich, leichtführig bis hin zu angeborenem Gehorsam". Dem stimmen wir so nicht zu! Unser Hund wird nur so gut sein wie wir es selbst sind. Der Vizsla ist eine sehr anspruchsvolle und intelligente Rasse, die zwingend einer konsequenten fairen Erziehung bedarf. Er ist äußerst sensibel mit einem starken Bindungsbedürfnis. Oft richtig als "Weicheier" bezeichnet, können Vizsla trotzdem eine unan genehme Dominanz entwickeln, was man ihnen gar nicht zutraut.

Ehrlich gesagt, viele Vizsla sind Sofa-Hocker und Bettschläfer (wenn man es zulässt). Jedoch wälzt sich der vornehm wirkende Hund begeistert in allem, was kräftig stinkt, und hat individuell noch andere liebenswerte Macken. Man sagt zudem, ein Vizsla sei wasserscheu und macht Witze darüber: "Wie bringt man einem Vizsla bei, nicht wie ein Irrer aus der Tür zu stürmen? Warten Sie auf Regen..." Die meisten Vizslas schwimmen aber sehr gerne.

Eine gewisse Polarität im Wesen macht es schwierig. Es gibt sehr sehr viele Halbwahrheiten! Man sollte sich auf Überraschungen einstellen und diese mit Fassung tragen. Mit Liebe und Konsequenz lässt sich ein entspanntes Zusammenleben erarbeiten. Wie lange das dauert, ist offen. Das erste Jahr ist sicher entscheidend. Zugegeben empfanden auch wir unser erstes Vischel-Mädel "etwas anders" als erwartet, obwohl wir von einem dominanten Hovawart-Rüden hundeerfahren waren. Unser Bauchgefühl riet uns dann, Beschäftigung ist gut, wobei jeglichem Reizüberflutung zu vermeiden ist. Regelrecht verordnete Ruhephasen fahren den jungen Hippel runter. Weniger und Sinnvolles bringen mehr als unbedachter Aktivismus oder Spiele, die zu einem Jagdhund nicht passen. Ein junger Hund braucht zudem noch viel Schlaf, um nicht reaktiv zu werden. Hündinnen neigen – vielleicht naturgemäß – auch etwas zum zicken. Insgesamt war es für uns schon eine Umstellung. Dennoch haben wir eine Tochter behalten und bereuen dies keine Minute. Zwei Weiber "nicht ohne", es sind eben nicht immer die zarten Sensibelchen, doch mittlerweile hat sich das Team eingespielt.

Warum haben wir dies geschrieben? Als Anregung zum Nachdenken, zum recherchieren und weil wir als ACI-Mitglied einen Beitrag leisten wollen. Vielleicht finden sich aber auch andere, die fair über unsere wundervolle Rasse berichten wollen.

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weitere Bilder:

Magyar Vizsla Sally und ihre Mama Brenda Ungarn 2017. (Foto: Silvia Ellwanger)
Sally und Brenda beim Chillen 2017. (Foto: Silvia Ellwanger)