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08.04.2008 Ralf Gotthardt, GlobusLine

Schlittenhunde machen Urlaub in Finnland (Teil 2)

Endlich wieder im Norden Finnlands

Im zweiten Teil des Reiseberichts berichtet Ralf Gotthardt von der Freude der Schlittenhunde über das Fahren auf Schnee und Eis. Lesen Sie, wie sicher Schlittenhunde auf blankem Eis laufen können, wie gefährlich es werden kann, einen Schneeanker zu setzen und warum die Huskys im Dunkeln besser laufen.

Beim Fahren im Schnee. (Foto: L. Hamann)

Vorbereitung auf die Touren

Am nächsten Tag bereiteten wir alles vor, was für die Touren notwendig war. Die Schlitten wurden zusammengebaut und mit allem ausgestattet, was eben so gebraucht wurde (Schlittensack, Schneeanker, Notseil, Bremsmatte, Notausrüstung etc.). Der günstigste Startweg zwischen den Bäumen wurde ausgesucht und die Startleinen wurden angebracht, die Zugleinen noch einmal überprüft - schadhafte Teile ausgetauscht - und am Schlitten eingehakt. Bei Jukka, unserem Gastgeber, holten wir die Karte der Umgebung und besprachen die möglichen Strecken mit ihm (zum Glück spricht er Englisch). Dann kennzeichneten wir aufgrund meiner persönlichen Erfahrung, die mich vor knapp zehn Jahren beinahe das Leben, zumindest aber schwere körperliche Schäden gekostet hätte, den Startweg zwischen den Bäumen für die Hunde mit Trassierband. Als ich nämlich damals da im Wald einfach gestartet bin, hatte mein Inuk einen unerwarteten Haken um die Bäume geschlagen, weil er mal kurz andere Hunde im Vorbeigehen begrüßen wollte. Eigentlich sollte er gerade und direkt dem Weg durch die Bäume folgen. Dadurch nahm ich mit dem Schlitten in voller Fahrt, ohne die geringste Chance, den Schlitten zu bremsen, jeden Baum mit, der da stand. Und da standen viele Bäume. Ich bin vom Schlitten geworfen worden, und der Schneeanker verfing sich dabei in meinem Anzug am Ärmel. So wurde ich hinterhergeschleift, bis sich aus purem Zufall der Schneeanker an einem der Bäume verhakt hatte. Da lag ich mal gerade noch 20 cm von einem Baumstamm entfernt, gegen den ich mit voller Wucht und Tempo 30 Kopf voraus gedonnert wäre. Nur zwei glückliche Umstände verhinderten damals größere Verletzungen: Der Schneeanker hatte meinen Arm um einen Zentimeter verfehlt und nur meinen Anzug aufgeschlitzt, und der Anker verhakte sich im Baum, bevor ich dagegenknallte.

Seitdem schaue ich mir Starträume immer etwas genauer an. Aufgrund der Wetterverhältnisse - große Kälte mit relativ wenig Niederschlag - hatten wir es auch mit stark vereisten Trails zu tun, was doch schon erhebliche Ansprüche an die Schlittenfahrtechnik stellte. Wir schauten uns den Beginn des Trails auf dem See dort auch etwas näher an und beschlossen einstimmig, die Hundezahl vor dem Schlitten zu reduzieren. Christiane und Ute wollten mit vier und ich mit maximal sechs Hunden anstatt der geplanten acht bzw. zehn Hunde fahren. Wer mich kennt und weiß, wie gern ich mit vielen Hunden fahre, kann abschätzen, wie vereist der Trail war. Diese Entscheidung erwies sich als sehr weise. Die Hunde - durch die Reise total ausgeruht und heiß aufs Laufen - zeigten uns schon beim Einspannen, dass sie nicht gewillt waren, nach dem von ihnen so ersehnten Start so schnell wieder stehenzubleiben. Sie rissen völlig ungeduldig an der Zugleine, um uns aufzufordern, alles ein bisschen schneller zu machen, damit es endlich losgehen kann.

Und los geht's!

Ein alter Inuitglaube besagt: Hunde und Weise entstammen denselben Wurzeln, weil sie nicht warten können, keine Geduld haben und schnell frustriert sind. Nun, auf die Hunde hat es zu einhundert Prozent zugetroffen. In dem Moment, als wir den Karabiner an der Startleine lösten und den Schneeanker aufnahmen, fingen sie an zu laufen - unser Kommando dazu war vollkommen unnötig. Sie liefen in gestrecktem Galopp auf dem von uns mit Band gekennzeichneten Weg durch die Bäume (die nur so an uns vorbeiflogen) zum Ufer, hetzten die steile Böschung hinunter und waren auf dem Eis des Sees, an dem wir starteten, nicht mehr zu stoppen. Die Hundepfoten krallten sich in das blanke Eis - unglaublich, wie sicher und schnell sie auf blankem Eis laufen können, auf dem ich Mühe hatte, stehen zu können - und wir schossen mit einer irren Geschwindigkeit im gestreckten Galopp über den See. Die Entscheidung, mit weniger Hunden zu fahren, erwies sich einmal mehr als richtig, die vier bzw. sechs Hunde waren schon kaum zu kontrollieren.

Und es tat gut. Die Kälte, die Landschaft, von der Christiane und Ute bei unserer ersten Ausfahrt allerdings nicht so viel mitbekommen hatten, weil sie mehr mit dem Schlitten beschäftigt waren, vor den kleine "Laufbestien" hingen, die nicht stehen bleiben wollten. Diese vor Kraft strotzenden Hunde, die sich ihre ganze Lebensfreude aus den Knochen und von der Seele laufen wollten - ich hätte vor Freude und Stolz auf unsere Hunde auf dem Schlitten Purzelbäume schlagen können.Da war sie wieder ganz deutlich zu spüren, auch nach 22 Jahren immer noch - die Faszination Schlittenhunde.

Nach dem Start absolute Stille - nur die Kufen auf dem hart gefrorenen Trail waren zu hören - die Hunde waren drauf wie noch nie bei uns zu Hause, und manchmal hatten wir den Eindruck, ein bisschen zu fliegen - egal was kam: Kurven, Berg auf oder Berg ab, zwischen den Bäumen durch, über im Schnee liegende Baumstämme oder große Steine, blankes Eis auf den Seen, Tiefschnee im Wald oder hartgefrorener Schnee auf den Lichtungen, die Hunde nahmen alles im gestreckten Galopp, sie hatten während der Anreise das Kommando "Steh!" vollkommen verlernt und nach kurzer Zeit war unsere erste Ausfahrt im Norden über 16 Kilometer wieder beendet. Die Hunde liefen bis zum letzten Meter vor ihren Zwinger, als würden ihre Schwänze brennen und waren selbst da kaum anzuhalten. Allein für diese Ausfahrt hätte sich die Anreise schon gelohnt.

Stopp auf dem blanken Eis

Die Hunde veränderten sich und wurden immer mehr nordische Hunde, selbst Akhuna, die zu Hause doch schon mal rumzickte, zeigte vor dem Schlitten eine sehr große Lauffreude und war nicht zu bremsen. Ich hatte den Eindruck, sie lächelte während des ganzen Trips. Die Kraft der Hunde spiegelte sich auch in einem kleinen Zwischenfall wieder. Billy, mein Leithund, fand auf der Weite des Sees nicht gleich den richtigen Weg vom See herunter, und ich musste meinen Schneeanker in das blanke Eis setzen, um ihn zu korrigieren. Da rissen sie - die sechs Hunde - das Seil des Schneeankers, das direkt in der Zugleine eingehakt war, einfach mit einem lauten Knall ab, als sich die Spitzen des Ankers aus gehärtetem Stahl in dem Eis eingehängt hatten. Wohlgemerkt ein Seil, mit dem ich problemlos unseren Lkw abschleppen kann. Unsere Hunde lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen, um uns zu beeindrucken. Christiane las, hinter mir fahrend, den Schneeanker wie ein Rodeo-Cowboy in voller Fahrt auf und winkte mir stolz und lächelnd damit zu. Und es stellte sich wieder mal als gut heraus, mit zwei Schneeankern zu fahren. Mein Sicherheitsdenken erspart mir doch immer wieder Katastrophen größeren Ausmaßes. Ute hatte große Angst, übers Eis von zugefrorenen Seen zu fahren und dort einzubrechen. Im Land der tausend Seen blieb ihr aber nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, und mit der Zeit vertraute sie den Hunden immer mehr und hatte nicht mehr so viel Angst einzubrechen. Wir verlängerten unsere Ausfahrten auf über 30 Kilometer,die wir in einer Stunde und 45 Minuten bewältigten. Da es hier um 14:30 Uhr dunkel wird, fuhren wir auch immer öfter im Dunkeln durch die Wälder von Finnland und konnten so auch diese Atmosphäre genießen. Wer das einmal erlebt hat, wird süchtig danach - nun ja, vielleicht nicht jeder - aber ich wurde auf alle Fälle süchtig (allerdings schon vor zwanzig Jahren). Und Christiane sowie unsere Doghandlerin Ute bekamen auch ein anderes Verhältnis zu den Hunden. Nicht, dass sie die Hunde nicht vorher schon liebten, man kann so ein besonderes Verhältnis einfach nicht mit Worten ausdrücken, das muss gespürt werden. Es ist etwas anderes, auf die Hunde angewiesen zu sein, ihnen zu vertrauen und ihr blindes Vertrauen zu spüren als mit ihnen "nur" Gassi zu gehen.

Ankunft der ersten Gäste

Im Dunkeln laufen die Hunde besser als im Hellen, und im Wald laufen sie besser als im offenen Gelände, das hängt mit dem angeborenen Jagdtrieb zusammen. Sie haben das Bestreben, so schnell wie möglich hinter die nächste Kurve zu schauen (da sind sie neugierig wie Katzen), und so ließen wir auch unsere Stirnlampen aus, denn das Licht hätte die Hunde nur irritiert, und vertrauten ganz den Hunden, die uns zielsicher auf dem Trail hielten. Wer solche Touren mit seinen Hunden unternimmt, baut ein besonderes Verhältnis zu seinen Tieren auf. Ich behaupte sogar, dass so ein Verhältnis nur in solchen Situationen und in einem solchen Umfeld aufgebaut werden kann. Wir erkundeten so diese herrliche Gegend Finnlands direkt an der russischen Grenze mit den Hunden, fuhren durch Schneetreiben, die uns jede Sicht raubten, doch die Hunde steckten alles weg und brauchten uns immer wieder sicher nach Hause. So bereiteten wir uns auf die Ankunft der ersten Gäste vor. Immer wieder unternahmen wir unsere herrlichen Ausfahrten und haben dabei Zeit, Raum und den Alltag vollkommen vergessen können. Hinzu kommt noch, dass sich mein Aussehen aufgrund der weit entfernten Zivilisation immer mehr einem Trapper annäherte, sagte zumindest meine Frau. Aber auch die herrlichen Saunabesuche, die Art, wie es hier schneit, der frische Fisch - Eisangeln ist in Finnland Volkssport -, der Sternenhimmel, der so nur im Norden zu sehen ist, und diese himmlische Ruhe und Einsamkeit in den schneebedeckten Wäldern, es ist alles einfach nur schön. Dazu die total veränderten Hunde, deren Wandlung mich bei jeder Finnlandreise begeistert, von meiner Wandlung will ich gar nicht sprechen. Ich könnte hier problemlos leben.

Das Wetter spielte uns leider einen Streich. So wurde es genau an dem Tag, an dem unsere Gäste ankamen (27. Dezember), wärmer, und die Temperatur stieg bis auf (für uns unheimlich warme) null Grad. Es bildeten sich nicht ganz ungefährliche Overflows auf den Seen, und wir konnten leider nur bedingt Touren unternehmen. Trotz der kleinen Einschränkung - sehr zur Freude von Ute mussten wir auf die Überfahrten über die zugefrorenen Seen verzichten - lernten auch unsere Gäste die Ausfahrten mit den Hunden lieben. Ihre Blicke beim ersten Einspannen waren beim Anblick der völlig außer Rand und Band geratenen, vor Energie strotzenden Hunde allerdings eher skeptisch. Sie dachten sich wohl: "Wie die unter Kontrolle zu bringen sind? Das sind sie doch, oder?", war eine der vielen Fragen. Unserem "Alles ist unter Kontrolle und normal" glaubten sie wahrscheinlich erst nach den ersten zwei oder drei Kilometern, bis dahin waren sie jedenfalls ganz still. Ihren ersten Start vergessen sie sicher auch nicht so schnell, denn wir preschten wieder wie die letzten Tage los, als liefen die Hunde um ihr Leben, dabei hatten die nur ihren Spaß, und das zeigte sich wie immer in der Energie, die sie freisetzten. Diese "Wärmeperiode" dauerte bis zum 30. Dezember an. Dann begann es in der Nacht wieder zu schneien und die Temperaturen fielen am 1. Januar endlich wieder bis auf minus 18 Grad. Gegen 19 Uhr fiel sie noch mal auf herrliche knapp 25 Grad unter Null, und wir konnten das Niederfallen der Restfeuchtigkeit aus der Luft beobachten. Bei diesem Schauspiel glitzert und flimmert die Luft, als wären Millionen von Glühwürmchen unterwegs - ein tolles Schauspiel, von dem ich meiner Frau schon immer vorgeschwärmt hatte. Nun konnte sie es selbst sehen und genießen. Minus 25 Grad ist übrigens für die Hunde die optimale Temperatur zum Laufen für lange Strecken, und sie fühlten sich pudelwohl.

Jahreswechsel unterm Sternenhimmel

In der Silvesternacht saßen wir alle in einer sternenklaren, eiskalten Nacht am Lagerfeuer und genossen den Schnee, die Kälte, den einzigartigen Sternenhimmel hier im Norden, begleitet vom gelegentlichen lebensbejahenden Heulen der Hunde, mit einer riesigen Flasche Sekt und ein, zwei, drei oder waren es vier Gläser Whiskey. Von allen Gästen fiel in den Tagen der Alltag ab, und sie lernten den Norden (und vielleicht sogar den Sinn des Lebens) neu kennen und schätzen. Eine andere, für mich übrigens die schönste, Art Silvester zu feiern. Keinen störte die Kälte. Wir schaufelten im Schein des Feuers Berge von Nudeln mit gewürfelter Wurst in uns hinein und saugten die Atmosphäre in uns auf. Da in Finnland die Uhrzeit um eine Stunde voraus ist, konnten wir auch zweimal aufs neue Jahr anstoßen. Unsere Gäste fuhren schweren Herzens wieder ab. Im Gepäck hatten sie Eindrücke durch die einmaligen Erlebnisse, an denen sie nach eigenen Worten noch lange zehren werden, und sie wollten so etwas auf alle Fälle noch einmal erleben und wieder mit uns und den Hunden, diesmal nur länger, in den wunderschönen Norden fahren. In der Silvesternacht legten sie auch fest, was sie das nächste Mal anders machen wollen (Kleidung, Anreise doch lieber mit Auto als mit dem Flugzeug) und schmiedeten schon so etwas wie feste Pläne. Falls auch Sie Lust haben, den fantastischen Norden mit Schlittenhunden zu erkunden, ebenfalls echte Abenteuer zu erleben oder solch eine Reise scheuen und es einfach mal in Deutschland erleben möchten, so dürfen Sie sich gern an uns wenden.

Vorschau auf den dritten Teil

Im dritten und letzten Teil des Reiseberichtes lesen Sie von der besonderen Fütterung der Hunde in Finnland, wie man die richtige Outdoorausrüstung findet und dass die Seitenscheiben beim Autofahren nur wenig nützen. Erfahren Sie, welche Vorbereitungen für die Rückfahrt getroffen werden mussten und dass die Seekrankheit zum Glück nur Menschen und nicht die Hunde betrifft.

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weitere Bilder:

Beim Überholen eines anderen Gespannes. (Foto: L. Hamann)
Sitzprobe auf dem Hundeschlitten. (Foto: L. Hamann)
Auf einem fahrenden Schlitten. (Foto: L. Hamann)
Im Doppelgespann beim Fahren. (Foto: L. Hamann)
Laufende Hunde in Finnland. (Foto: L. Hamann)
Am Start und Ziel angekommen. (Foto: L. Hamann)