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09.05.2014 Nadine Reckinger, Tierheilpraktikerin

Tierphysiotherapie: Mehr Bewegungsfreude, Vitalität und Wohlbefinden für Hund, Katze & Co.

Was uns Menschen schon lange gut tut, hält nun auch Einzug in die Tiermedizin: Tierphysiotherapie kann vielen Tieren helfen, Beschwerden am Bewegungsapparat zu lindern. Tierheilpraktikerin Nadine Reckinger gibt einen Einblick in die Physiotherapie für Hund, Katze und Co. und erläutert Einsatzgebiete und die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten.

Die Magnetfeldtherapie kann eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung haben. (Foto: N. Reckinger)

… irgendwie läuft mein Vierbeiner komisch
… auch ist er nicht mehr so bewegungsfreudig wie früher
… beim Sprung ins Auto ist er nur noch zögerlich

Kleine Anzeichen mit oft großer Auswirkung, denn viele unserer Tiere zeigen uns ihre Schmerzen erst sehr spät an und so ist es an uns, schon auf kleine Anzeichen zu achten. Eine physiotherapeutische Behandlung nach chirurgischen Eingriffen am Bewegungsapparat, nach Verletzungen, bei Sportlern oder in der Geriatrie, ist in der Humanmedizin nicht mehr weg zu denken.

Aber auch in der Tiermedizin wird die Tierphysiotherapie von Tierärzten immer öfter empfohlen. Denn gerade dem Tier kann man nicht sagen, mit welchen Übungen es die Muskulatur aufbauen oder Fehlhaltungen entgegenwirken kann. Hier ist es wichtig mit verschiedenen Übungen und physiotherapeutischen Behandlungsmethoden den Bewegungsapparat wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Mögliche Indikationen für eine physiotherapeutische Behandlung im Überblick

  • chronische Gelenkserkrankungen (z.B. Arthrose, Hüftdysplasie (HD), Kissing Spine u.v.m.)
  • Bewegungseinschränkung/Lahmheit
  • Wiederaufbau der Muskulatur nach Trainingspausen oder Erkrankungen
  • Muskel- und Sehnenverletzungen
  • Muskelatrophie
  • Ödeme
  • Rehabilitation nach operativen Eingriffen am Bewegungsapparat
  • neurologische Erkrankungen (Bandscheibenvorfall, Fascialislähme, Dackellähmung u.v.m.)
  • Erhalt der Beweglichkeit von Hundesenioren
  • trainingsbegleitender Einsatz
  • Erhöhung von Vitalität und Leistungsbereitschaft

Wann sollte ein Tier zur Physiotherapie?

Für eine physiotherapeutische Behandlung gibt es viele Indikationen. Ziel ist die Wiederherstellung eines harmonischen Bewegungsablaufes.

Besonders wichtig ist die Tierphysiotherapie nach chirurgischen Eingriffen am Bewegungsapparat. Die entsprechenden Gelenke müssen mobilisiert und die Muskulatur wieder aufgebaut werden. Mit verschiedenen Behandlungstechniken können Ödeme und Schwellungen im Gewebe abgebaut, die Wundheilung beschleunigt und Schmerzen gelindert werden. Es kann vermieden werden, dass das Tier durch Einnehmen einer Schonhaltung andere Gliedmaßen überlastet.

Ein weiteres, wichtiges Krankheitsbild, das mit Tierphysiotherapie hervorragend behandelt werden kann, ist die Arthrose. Arthrotische Veränderungen entstehen durch unterschiedliche Ursachen, wie zum Beispiel Überlastung, Traumata, Gelenkfehlstellungen, genetische Disposition oder altersbedingter Gelenkverschleiß. Hier gibt es eine Vielzahl physiotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten, um die Nährstoffversorgung des Gelenkknorpels zu unterstützen, die Beweglichkeit des Gelenkes wieder herzustellen, die Muskulatur zu lockern und damit die Bewegungsfreude und das Gangbild zu verbessern.
Somit ist die Tierphysiotherapie auch eine große Hilfe für ältere Tiere, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, nicht mehr so viel Bewegungsfreude zeigen oder Lahmheiten aufweisen.
Eine regelmäßige physiotherapeutische Behandlung nimmt ihnen Schmerzen, verbessert die Beweglichkeit und verhilft dem Senior zu mehr Lebensfreude bis ins hohe Alter.

Und nicht zuletzt ist die Tierphysiotherapie wie im Humanbereich auch eine präventative Maßnahme, um Schäden am Bewegungsapparat gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn nicht nur für menschliche Sportler ist ein gutes "warm up" und "cool down" ein wichtiger Teil jedes Wettkampfes. Auch unsere Sporthunde sollten nicht einfach in den Wettkampf geschickt werden. Sehnen, Bänder und Muskulatur müssen genauso aufgewärmt werden wie beim Menschen auch. Und wenn auch der Hundesport immer mehr Begeisterung als Beschäftigung mit dem Hund findet, so ist vielen leider immer noch nicht bewusst, dass viele Sportarten eine extreme Belastung auf den Körper des Hundes ausüben und dieser entsprechend trainiert und vorbereitet werden muss.

Die Erstuntersuchung

Jeder physiotherapeutischen Behandlung sollte eine gründliche Erstanamnese vorrausgehen. Hier wird das Gangbild des Hundes analysiert, Bewegungseinschränkungen an Gelenken, Muskeln und Bändern getestet und die genaue Vorgeschichte des Patienten aufgenommen.
Anschließend wird ein auf den Patienten zugeschnittener Behandlungsplan erstellt und dem Tierbesitzer ggf. Übungen für zu Hause mitgegeben.

Verschiedene physiotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten

In der Tierphysiotherapie können verschiedene Anwendungen je nach Krankheitsbild zum Einsatz kommen:

Passive Bewegungstherapie

Hier werden vom Therapeuten mit gezielten Griffen Gelenke, Bänder und Sehnen mobilisiert, die die Bewegungsamplitude erhöhen, die Muskulatur lockern und die Produktion der Gelenkflüssigkeit, die bei degenerativen Gelenkserkrankungen stark abnimmt, erhöhen. Auch verschiedene Massagetechniken kommen zum Einsatz.

Aktive Bewegungsübungen

Die aktiven Bewegungsübungen sind eine Art "Gymnastik" für's Tier. Es können verschiedene Geräte wie Cavalettis, zur Koordinationsschulung, das Wackelbrett, zur Stärkung der Muskulatur und Förderung des Gleichgewichts, Slalomhütchen, zur Steigerung der Bewegung in der Brust- und Lendenwirbelsäule und einiges mehr zum Einsatz kommen. Oder dem Hund werden bestimmte Bewegungen abverlangt, die zur Stärkung und Mobilisierung der einzelnen Muskelgruppen führen.

Isometrische Übungen

Isometrie am Tier ist eine Form des Krafttrainings. Der Therapeut übt an verschiedenen Positionen leichten Druck auf den Hundekörper aus. Leistet der Hund dem Druck Widerstand, kann damit ein effektiver Muskelaufbau ohne weitere Hilfsmittel erzielt werden. Viele Übungen können nach Anweisung eines Therapeuten auch vom Hundebesitzer selbst übernommen oder in den täglichen Spaziergang eingebaut werden.

Kyrotherapie

In der Kyrotherapie kommen je nach Indikation Kälte- oder Wärmeanwendungen zum Einsatz.

Magnetfeldtherapie

Hier kann das pulsierende- oder permanent Magnetfeld zum Einsatz kommen. Magnetfeldtherapie verbessert die Zellatmung, regt den Stoffwechsel an, verhilft zur Ausscheidung von Gift - und Schlackstoffen und kann eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung haben.

TENS-Therapie

Bei der TENS-Therapie (Transkutane Elektrische Nervenstimulation) handelt es sich um ein physikalisches Therapieverfahren, bei dem mittels Niedrig-/Mittelfrequenzstrom Nerven und Muskeln stimuliert werden. Über Elektroden werden elektrische Impulse auf die Hautoberfläche übertragen. Sie dient der Schmerzlinderung und kann unter anderem bei chronischen und postoperative Schmerzen sowie Neuralgien angewandt werden.

Lasertherapie

Die Lasertherapie kann unter anderem zur schnelleren Heilung von Wunden, z.B. nach Operationen und zur Linderung von Schmerzuständen eingesetzt werden. Der Zellstoffwechsel, so wie die venöse und lymphatische Mikrozirkulation werden durch die Laserstrahlung erhöht und es kommt zu einer Veränderung der Schmerzwahrnehmung.

Aquatherapie

Die Aquatherapie findet meist auf einem Unterwasserlaufband statt. Gelenke und Muskeln können durch Reduktion des Eigengewichts schonend trainiert werden. Natürlich kann das Aquatraining im Sommer auch im Freien in einem See stattfinden. Hunde mit Bewegungseinschränkungen sollten hier aber unbedingt eine Schwimmweste tragen und der Hundehalter nach Anweisungen eines Therapeuten dem Hund beim Schwimmen stets zur Seite stehen.

Lymphdrainage

Hierbei wird durch bestimmte Griffe wird der Abtransport von Flüssigkeiten im Gewebe angeregt.

Mit diesen verschiedenen Therapiemaßnahmen werden Schmerzen gelindert, die Beweglichkeit verbessert und das Tier gewinnt deutlich an Lebensqualität.

Das größte Bestreben unseres treuesten Freundes liegt darin, seinem Menschen zu gefallen. Aber vor dem Folgen wollen steht das Folgen können. Geben Sie Ihrem Tier die Chance, verstanden zu werden und Bewegungsfreude, Vitalität und Wohlbefinden zurückzuerlangen.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Verfassers wieder, nicht die Meinung von Snautz.de. Snautz.de ist nicht für die inhaltliche Richtigkeit verantwortlich.

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weitere Bilder:

Aktive Bewegungsübungen: Der Lauf um die Pylonen hilft bei der Steigerung der Beweglichkeit in der Brust- und Lendenwirbelsäule. (Foto: N. Reckinger)
Die Passive Bewegungstherapie hilft den Bewegungsumfang des Tieres wieder zu erhöhen. (Foto: N. Reckinger)
Auch verschiedene Massagetechniken können dem Tier helfen, sich wieder leichter bewegen zu können. (Foto: N. Reckinger)