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15.01.2016 Susanne Schwarze, Tierheilpraktikerin

Tier-Shiatsu: Über die heilende Wirkung von Akupressur und Massage bei Tieren

Shiatsu heißt übersetzt "Fingerdruck" und ist eine Mischung aus Akupressur und Massage. Diese kann auch bei den Tieren angewandt werden. Was Shiatsu genau ist und wie es angewandt wird, erklärt Tierheilpraktikerin Susanne Schwarze.

Shiatsu am Bein eines Hundes. (Foto: Susanne Schwarze)

Tierische Entspannung

In der heutigen oft hektischen Welt leiden auch viele Tiere unter Stress, Verspannungen oder Unwohlsein. Viele Tierbesitzer sind mit ihrem Tier emotional so eng verbunden, dass das Tier die Sorgen und Befindlichkeiten seines Menschen spürt und darauf symptomatisch reagiert. Aber auch Besitzerwechsel, Futterumstellungen, Umzüge, d. h. Wohnort- oder Stallwechsel, können Stress auslösen. Tiere reagieren auf Stress häufig mit Symptomen wie Verdauungsproblemen, Allergien, Verspannungen oder Hyperaktivität. Vielerlei Beschwerden können mit Medikamenten durchaus gelindert werden, doch diese bekämpfen lediglich die Symptome, nicht aber die Ursachen der Krankheit. Ich suche den Weg der Behandlung der Ursachen und habe mich auf die asiatische Heilkunst des Shiatsu spezialisiert.

Asiatische Heilkunst

Die asiatische Heilkunst sieht den Grund für diese Beschwerden in einer Blockade der Lebensenergie Chi. Das Chi bestimmt den Zustand von Körper, Geist und Seele. Es fließt auf verschiedenen Bahnen, den sogenannten Meridianen, durch den Körper. Ist der Chi-Fluss gestört, kommt es zu einem Ungleichgewicht und es können Schmerzen auftreten und Krankheiten entstehen.

Shiatsu

Shiatsu heißt übersetzt "Fingerdruck" und ist eine Mischung aus Akupressur und Massage. Eine sanfte Akupressur mit der Handfläche, ein bestimmter Druck mit dem Daumen: mit Shiatsu können Beschwerden ertastet und behandelt werden. Mit Shiatsu wird durch sanfte Massage das Chi wieder zum Fließen gebracht. Diese (schmerz-)therapeutische Massage ist die japanische Variante der Akupressur und ist angelehnt an die Traditionelle Chinesische Medizin von vor über 2000 Jahren. Die Chinesen fanden damals heraus, dass das Meridiansystem von Mensch und Tier tiefer liegt als das Muskelsystem. Die Lebensenergie Chi, die durch diese Meridiane fließt, wird damit zu allen lebenswichtigen Organen und Körperstrukturen transportiert. Der freie Fluss des Chi äußert sich bei jedem Lebewesen in Form von Vitalität, Widerstandskraft und Lebensfreude. Shiatsu kann für seelische und körperliche Beschwerden eine Lösung sein, denn es ist eine Begleitung, um die Selbstheilungskräfte anzuregen und das Immunsystem zu stärken. Die Shiatsu-Massage hilft bei vielerlei Beschwerden, insbesondere bei Problemen im Bewegungsapparat (Gelenkproblemen, HD, ED, Arthrosen u. a.), bei Verdauungs- und Atemwegserkrankungen.

Traumatisierte oder chronisch kranke und alte Tiere profitieren von dieser Körpertherapie ebenso wie Tiere im Sport oder nach Unfällen und Operationen. Shiatsu dient der Tiefenregulation und vermittelt dem Tier ein deutlich besseres Körpergefühl. Es gibt auch Ausnahmefälle, in denen Shiatsu nicht oder nur nach Rücksprache mit dem Tierarzt angewandt wird: beispielsweise bei tragenden Tieren, Erkrankungen, die mit Fieber einhergehen und bei Krebs. Auch größere Belastungen oder Stress direkt nach einer Behandlung können die Wirkung herabsetzen oder aufheben.

Die bestmögliche Wirkung entfaltet eine Shiatsu-Behandlung dann, wenn auch alle anderen Einflüsse wie Fütterung und Haltung optimal aufeinander abgestimmt sind. Bei Pferden spielt hier auch die Reitweise eine Rolle. Jedes Tier bringt rassespezifische Ansprüche mit, verbunden mit dem einzigartigen Charakter jedes Tieres, die berücksichtigt werden sollten, um ein ausgeglichenes und lebensfrohes Tier als Begleiter an seiner Seite zu haben.

Ablauf einer Behandlung

Eine Behandlung dauert in der Regel 45 Minuten und beginnt mit einem kurzen Vorgespräch. Empfehlenswert sind zu Beginn drei Behandlungen im Abstand von jeweils einer Woche; danach - je nach Krankheit und Konstitution - in größeren Abständen von zwei bis drei Wochen. Empfehlenswert sind regelmäßige monatliche Behandlungen zur Prävention. Nach der Behandlung kann es vorkommen, dass die Tiere vermehrt Urin oder Kot absetzen, ein erhöhtes Trinkverhalten aufweisen, Ruhe suchen oder sich erst einmal genüsslich wälzen wollen. Das alles sind natürliche Reaktionen auf diese tiefgehende Wirkung der Massage.

Was kann der Besitzer tun?

Shiatsu wird auch "die Kunst der achtsamen Berührung" genannt. Wir alle kennen dies: Wenn der Bauch weh tut und wir uns den Bauch behutsam streicheln, wenn wir Kopfschmerzen haben und uns die Schläfen massieren oder uns den Arm gerade angeschlagen haben, so lindert auch hier die spontane schnelle Berührung den Schmerz ein wenig. Unseren Tieren geht es da nicht anders: Wenn der eigene Hund sich vor mich stellt oder legt, sagt er mir damit auch indirekt, wo er nun gerne gestreichelt und gekrault werden möchte. Pferde untereinander nutzen dies, um sich gegenseitig bei der Fellpflege zu helfen, oder gerade da, wo es juckt, und sie selbst nicht hinkommen. Intuitive Berührung kann in vielen Fällen helfen. Zielgerichtet wird diese Berührung genau dort angewandt, wo sie hilft, Krankheiten zu vermeiden, sie erst gar nicht erst entstehen zu lassen und um im Krankheitsfall die Heilung zu beschleunigen. In Basiskursen können Tierbesitzer lernen, Widerstände im Meridiansystem zu erspüren und durch achtsame Shiatsuberührungen ihrem Tier bei der Entspannung zu helfen. Diese Kurse eignen sich für alle Tierbesitzer, unabhängig von Vorwissen und Erfahrungen. Wichtig ist allein die Freude an der Körperberührung und selbst einen Beitrag zur Gesunderhaltung oder Genesung des Tieres leisten zu wollen.

Aus der Praxis

Bassa, ein 14-jähriger Vollblut-Wallach, ist noch nicht lange im Besitz der Reiterin und sie weiß dadurch nur wenig über ihn. Auffällig waren sein schlechter abgemagerter Zustand und sein glanzloses Fell. Die Besitzerin hat Bassa innerhalb weniger Wochen zu "altem Glanz" verholfen und als ich ihn das erste Mal sehe, steht ein prachtvolles und energiegeladenes Vollblut vor mir. Bassa ist sehr temperamentvoll, neigt aber auch zu Nervosität und Ungeduld.

Anamnese: Bassa ist ein typisches "Feuer"-Pferd*: viel Energie, viel Temperament, aber auch viel (noch versteckte) Lebensfreude: er wirkt im Moment nervös, gereizt, angespannt, lässt sich nicht gerne anfassen und duldet eher, was mit ihm geschieht.

Behandlung: Bei Bassa muss ich von Anfang an sehr konsequent vorgehen, damit er mich und die Berührungen akzeptiert. Zu leichte Berührungen empfindet Bassa eher als Streicheln oder Kitzeln. In den ersten beiden Behandlungen beschränke ich mich darauf, ihm ein besseres Körpergefühl zu vermitteln, und behandele Akupressurpunkte, die eine beruhigende Wirkung haben. Ich streiche die Ohrspitzen aus, was ebenfalls beruhigend wirkt. Bassa gewöhnte sich zunehmend an die Shiatsu-Behandlungen, gewinnt allmählich Vertrauen und wirde ruhiger. Inzwischen ist aus Bassa ist immer noch temperamentvolles, aber umgängliches und sicheres Geländereitpferd geworden, das seiner Besitzerin viel Freude macht.

Watson, 5 Jahre, Dalmatiner-Rüde: Watson wurde in den ersten Jahren als Zwingerhund fast ohne Auslauf gehalten. Eine ältere Verletzung am linken hinteren Sprunggelenk wurde anscheinend nicht oder nicht ausreichend behandelt.

Anamnese: Watson ist ein "Holz"-Hund*: als Alpha-Tier dominant auf eine souveräne Art. Er ist "kernig", d. h. er hat eine gut entwickelte Muskulatur. Trotz seines relativ schlanken Körperbaus wirkt er athletisch.

Behandlung: Als ich Watson kennenlerne, hat er eine leichte Versteifung im Sprunggelenk, die sich dahingehend äußert, dass er hinten links leicht verkürzt läuft und bei einem längeren Spaziergang zu lahmen und sich zu schonen beginnt. Um ihm eine bessere Lebensqualität zu geben, behandele ich Watson sechs Wochen lang im Abstand von jeweils einer Woche, anschließend weitere sechs Wochen im Abstand von 14 Tagen, danach für weitere drei Monate im 4-Wochen-Turnus. Nach den ersten drei Behandlungen ist schon eine Verbesserung im Gangbild zu erkennen und begleitend dazu werden die Spaziergänge langsam weiter ausgedehnt. Anfangs setzt sich Watson mit einem abgestreckten linken Hinterlauf ab; allmählich kann er sein Hinterbein immer besser beugen. Die Prognose ist günstig.

(Anm.: * In der 5-Elemente-Lehre der traditionellen chinesischen Medizin werden Charaktere den Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zugeordnet.)

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