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02.09.2006 Dr. Viola Hebeler, Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland e.V.

Quo vadis Border Collie?

Um zu verstehen, warum gerade der Border Collie zum Problemhund Nummer eins avancieren konnte, muss man sich mit seiner Geschichte, seinem speziellen Hüteverhalten und der Vererbungslehre beschäftigen. Dr. Viola Hebeler, die erste Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland e.V., hat dies getan und berichtet im Hundefinder von ihren Erkenntnissen.

Dr. med. vet. Viola Hebeler, praktizierende Tierärztin mit Interessensschwerpunkten Verhalten und Vererbung Ausbildung von Border Collies an Schafen seit 15 Jahren, 7-mal Mitglied des Deutschen Teams der jährlich stattfindenden Europameisterschaften für Hütehunde mit selbst ausgebildeten Border Collies

Der Border Collie ist eine faszinierende Rasse. Wer einen guten Border Collie bei der Arbeit an Schafen beobachtet, kann sich seiner Ausstrahlung kaum entziehen. Leistungsbereitschaft, Ausdauer, Schnelligkeit und Klugheit erwecken in vielen Menschen den Wunsch auch so einen Hund zu besitzen.

Die meisten sind sich jedoch nicht klar darüber, dass sie es beim Border Collie mit einer vom Menschen geschaffenen und im Gegensatz zum Wolf ethologisch stark veränderten Rasse zu tun haben. In ihrer speziellen Arbeitsumgebung, für die sie gezüchtet wurden, wirken die Hunde perfekt angepasst. Im häuslichen Umfeld mit Kindern, Autos und ohne Arbeit kann das dann ganz anders aussehen. Dass ein mental wie physisch so aktiver Hund sinnvolle Beschäftigung braucht, ist schon häufig erwähnt worden und soll hier nicht weiter vertieft werden, ebenso wie die Tatsache, dass auch Border Collies einen konsequenten Umgang benötigen.

Ursprung

Border Collies kommen ursprünglich aus dem Grenzgebiet zwischen Schottland und England. Dies ist eine unwirtliche, hügelige Landschaft mit steinigem Boden. Hier gibt es keine fetten Äcker und Weiden, sondern der Boden ist von spärlichem Gras, Heidekraut und Binsen bedeckt. Das einzige Tier, das hier gewinnbringend gehalten werden kann, ist das Schaf. Aufgrund der Kargheit des Bodens leben immer nur relativ wenige Schafe auf großen Flächen. Sie sind fast wild und menschenscheu.

Um beim Zusammentreiben dieser Schafe zu helfen, hatten die Schäfer schon immer Hunde. Um 1560 wurde ein Border Collie ähnlicher Hütehund das erste Mal in der Literatur erwähnt. Seit über 500 Jahren züchteten die Schäfer also mit den begabtesten Hunden weiter und schufen damit einen vierbeinigen Spezialisten für das Treiben von Schafen, der aus den Hügeln Nordenglands einen Erfolgszug um die ganze Welt antrat.

Border Collies müssen sowohl auf weite Distanzen, teils außer Sicht- und Hörweite, selbständig arbeiten können. Andererseits müssen sie aber auch so kooperativ und leichtführig sein, dass sie sich auf diese Distanzen auch noch durch die Pfiffe der Schäfer leiten lassen, wenn sie Schafe übersehen haben, was bei dem buckeligen Gelände häufig vorkommt.

Darüberhinaus müssen sie die typische Arbeitsweise beherrschen. Border Collies laufen in einem großen Bogen um die Schafe, die zusammengetrieben werden sollen. Die genetische Veranlagung dazu wird "Cast" genannt. Ein Border Collie mit "Cast" läuft auch ohne viel Training einen angemessenen Bogen um die Schafe. Diese Verhaltensweise entstammt dem wölfischen Jagdverhalten ebenso wie das Border Collie-typische Treiben der Schafe. Sie schleichen sich dabei wie Wölfe an ihre Beute an. Der Vorderkörper wird abgesenkt, die Rute ist konzentriert eingezogen, der Blick fixiert die Beute und der Schritt ist langsam. Diese typische Körperhaltung in Verbindung mit einem entschlossenen Vorwärtsdrang sowie dem starr auf das Schaf gerichtetem Blick löst eine instinktive Fluchtreaktion beim Schaf aus.

Allerdings genügt es nicht, die Schafe nur zu fixieren. Die Hunde müssen auch den entsprechenden Drang haben, sie vorwärts zu treiben, sonst erkennen die Schafe nach einiger Zeit die Harmlosigkeit des Eindringlings. Über die Geschwindigkeit des nachtreibenden Border Collies und den daraus resultierenden Abstand zu den Schafen lässt sich die Fluchtgeschwindigkeit der Schafe steuern. Dies ist in unwegsamem Gelände besonders wichtig, damit sich die Schafe nicht zu Tode stürzen. Auch führt übermäßiger Stress bei den Tieren zu Gewichtsabnahme und ist daher bei allen Schäfern unerwünscht. Border Collies müssen deswegen auf Kommando exakt stoppen und sich im Tempo regulieren lassen.

Nun sollen Schafe ja nicht nur gerade vorwärts getrieben werden. Aus diesem Grund muss der Border Collie auch im Abstand rechts- oder linksherum um die Schafe flankieren können, um die Richtung zu ändern. Dieses Verhalten wird aus dem angeborenen "Cast" trainiert. Ein sofortiger Stop mit anschließendem erneuten "Anschleichen" versetzt den Schäfer in die Lage, den Hund präzise zu steuern, und damit auch die Schafe gezielt zu treiben.

Hilfreich ist dabei eine besondere Eigenschaft des Border Collies: "Sheep Sense", der Sinn für das, was die Schafe als nächstes tun werden und sich ihnen am richtigen Punkt entgegenzustellen. "Sheep Sense" befähigt einen Hund, eine Herde Schafe zusammenzuhalten, sie von einem Punkt aus zu treiben und Ausbruchsversuche im Keim zu ersticken. All das wird vom Border Collie mit minimalem Einsatz gefordert. Anders als der Altdeutsche Hütehund soll der Border Collie nicht immer hin- und herlaufen, sondern die ganze Herde möglichst ruhig von einem Punkt aus treiben. Je besser er dies beherrscht, desto mehr "Balance" hat er. Diese Arbeitsweise beunruhigt die Schafe nicht unnötig und ist außerdem kräftesparend. Bedenkt man die Strecken und das Terrain, auf dem die Hunde arbeiten müssen, ist das ein wichtiger Faktor.

Border Collies sind für die Arbeit an quasi wilden Schafen gezüchtet worden, das erklärt auch, warum er beim deutschen Wanderschäfer meist nicht den richtigen Arbeitsplatz finden kann. Bei 500 zahmen Schafen braucht es mehr Anpackerqualitäten als sie der feine Balancierer mitbringt. Kontrollierte Arbeit in großer Entfernung kann nur mit kooperativen Hunden erbracht werden. Natürliche Begabung für die Arbeit und eine hohe Kooperativität und Trainierbarkeit waren die Maßstäbe, die bei der Zucht angelegt wurden. Das Resultat sehen wir am relativ leicht auszubildenden und lernbegierigen Arbeits-Border Collie. In Großbritannien heißt das "willing to please" und ist ein Muss für einen potentiellen Arbeitshund.

Aber mit Kooperativität lassen sich Schafe nicht beeindrucken. Nicht alle Schafe laufen automatisch vor einem anschleichenden Hund weg. Mutterschafe mit Lämmern oder Böcke können durchaus zum Angriff übergehen. Daher muss der Border Collie eine große Portion Mut und Geduld haben, um diesen Angriffen die Stirn bieten zu können. Bei großen Schafherden ist dies eine ständig wiederkehrende Aufgabe und verlangt ein hohes Maß an Frustrationstoleranz. Der Hund darf nicht aufgeben, auch in schwierigen Lagen muss er weiterarbeiten und darf nicht nach Hause laufen oder auch nur schnüffeln gehen.

Ein sicheres Zeichen von Unkonzentriertheit oder Überforderung ist immer eine hoch getragene Rute. Im Gegensatz zu allen anderen Hütehundrassen, deren Veranlagung aus dem Spieltrieb herausgezüchtet wurde, ist der Border Collie beim Hüten "auf der Jagd". Sein eingezogener Schwanz gehört zu diesem Verhaltenskreis und ist während der Arbeit kein Zeichen von Ängstlichkeit.

Streng verboten ist ihm allerdings die Endhandlung der Jagd. Das Reißen von Schafen sowie das Beißen von Menschen führten bis vor kurzer Zeit noch zum sicheren Tod des Hundes. Eine Folge dieser radikalen Merzung ist Menschen- freundlichkeit mit einem Hang zur Unterwürfigkeit. Die hierzulande häufig auftretende Aggressivität von Border Collies ist bei den Hunden britischer Farmer nach wie vor kaum bekannt. Auch erschreckend schlecht sozialisierte Hunde, die ihr Leben in kleinen, dunklen Zwingern fristen, sind durchweg freundlich und begrüßen Fremde meist enthusiastisch.

Die Reihe der Charaktereigenschaften, die für einen guten Hütehund nötig sind, ließe sich noch verlängern. Hier soll nur deutlich werden, wie kompliziert die Züchtung eines Hundes ist, der in sich so verschiedene Charaktereigenschaften wie Selbständigkeit und gleichzeitig extreme Trainierbarkeit, wie Mut und gleichzeitig Sensibilität vereinen soll. Bestimmte Anteile des Beutefangverhaltens sollen ausgeprägt vorhanden sein, andere hingegen völlig verschwunden sein - dies alles steuerbar und vom Menschen beliebig abrufbar.

Das Resultat einer jahrhundertelangen Selektion auf diese speziellen Verhaltenseigenschaften sind Hunde, die äußerlich völlig verschieden aussehen können. Es gibt langhaarige, stockhaarige und kurzhaarige Border Collies. Zwar überwiegt die schwarz-weiße Fellzeichnung, aber es gibt auch dreifarbige, ganz braune oder graue Border Collies. Sie können 10 kg leicht oder 25 kg schwer, 40 cm klein oder 60 cm groß sein.

All das hat einen Grund: Sie wurden nur auf ihre ganz speziellen Fähigkeiten hin gezüchtet. Das allein ist so schwierig, dass man es sich nicht leisten konnte, einen guten Hund nicht zur Zucht zu verwenden, bloß weil er kurzhaarig ist.

Kleiner Exkurs in die Genetik

Die äußerliche Vielfalt ist nicht zufällig. Sie lässt sich auch wissenschaftlich erklären. Jede Eigenschaft, die ein Körper hat, kann man in Exterieurmerkmale, wie Größe oder Felllänge, oder in Interieurmerkmale, also Verhaltensmerkmale aufteilen. Die äußerlich sichtbaren, körperlichen Merkmale nennt man Phänotyp. In der Verhaltensgenetik spricht man neuerdings auch vom Verhaltens-Phänotyp. Dieser beinhaltet alle Verhaltensmerkmale.

Alle diese Merkmale sind zu einem bestimmten Prozentsatz von der Vererbung bestimmt und zum Rest von der Umwelt bestimmt. Ein Beispiel: Ein Welpe einer großen Hunderasse hat die Anlage für Größe von seinen Eltern geerbt. Wird er allerdings fehlernährt, ist krank und verwurmt, kann es sein, dass er kleiner bleibt. Dies wäre dann der Umwelteinfluss. Exterieurmerkmale wie Größe, Ohrenstand, Felllänge werden überwiegend von der Vererbung bestimmt. Hier liegt der erbliche Anteil (Heritabilitätskoeffizient) bei ca. 60 %. Das bedeutet, dass die züchterische Bearbeitung sehr einfach ist. Selektiert man auf bestimmte Fellfarben, wird man schon nach wenigen Generationen überwiegend Hunde dieser Fellfarben haben. Der Umwelteinfluss auf die Fellfarbe ist äußerst gering. Verhaltensmerkmale besitzen einen schwankenden Heritabilitätskoeffizienten.

Einzelne Verhaltensweisen sind hoch erblich. Hierzu gehören spezielle Verhaltensweisen wie z.B. das Vorstehen von Jagdhunden. Das "Auge zeigen" von Border Collies gehört ebenfalls zu diesem Verhaltenskomplex. In wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, dass auch Ängstlichkeit, Aggressivität und Nervosität einen relativ hohen Heritabilitätkoeffizienten haben. Dieses Verhalten wird zu bis zu 50% von der erblichen Anlage bestimmt. Daher ist es von überragender Bedeutung für die Hundezucht, dass ängstliche oder aggressive Hunde nicht zur Zucht verwendet werden. Andernfalls verbreiten sich Temperamentsfehler ebenso schnell wie z.B. Hüftgelenksdysplasie. Ebenso wie diese werden Verhaltenseigenschaften überwiegend durch mehrere Gene vererbt. Damit sind sie züchterisch später sehr schwer wieder zu tilgen.

Kompliziertere Verhaltensweisen wie Trainierbarkeit oder die Fähigkeit, Probleme zu lösen, haben eine wesentlich kleinere erbliche Grundlage. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass komplizierte Verhaltensweisen aus verschiedenen einfachen "Verhaltensbausteinen" zusammengesetzt sind. Jeder dieser "Bausteine" wird wieder von mehreren Genen beeinflusst. Je mehr Gene aber für die komplizieren Verhaltensweisen gebraucht werden, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle gleichzeitig an ein Tier vererbt werden.

Ein Verhaltensmerkmal, das auch in der Border Collie-Zucht auf Standard immer noch stark vererbt wird, ist das Auge-zeigen, das rassetypische Anschleichen und Vorstehen. Dieses Fixieren wird auch häufig gegenüber anderen Hunden gezeigt. Dies ist nicht als normal zu betrachten, da Hunde Sozialpartner und keine potentielle Beute sind. Zwangsläufig führt dies zur Gegenwehr der Angestarrten, die sich zu Recht herausgefordert fühlen. Auch das Hüten von Kindern, Kinderwagen oder Joggern wird meist fehlinterpretiert. Der Border Collie will diese Menschen nicht "behüten", sondern er bejagt sie! Dieses Verhalten ist nicht "typisch für einen Hütehund" und muss unterbunden werden. Es handelt sich um ein stark selbstbelohnendes Verhalten, bei dem Glückshormone ausgeschüttet werden. Dies bringt den Border Collie dazu, das Anstarren und Hetzen immer und immer wieder bis zur Stereotypie auszuführen.

Ist der Hund irgendwann gar nicht mehr zu kontrollieren, beißt er die Kinder oder zerlegt das Mobiliar, heißt es dann: Der Hund muss weg und zwar irgendwo hin, wo er Hüten kann. Es soll ja ein Arbeitshund sein, und wahrscheinlich fehle ihm nur die Arbeit.

Leider ist es aber inzwischen eher die Regel als die Ausnahme, dass diese Hunde für eine Ausbildung an Schafen nicht geeignet sind. Sie zeigen zwar noch Auge, haben aber meist keinen "Cast", keinen "Sheep Sense" und sind vor allem kaum trainierbar. Sie sind nicht mehr so fanatisch auf die Hütearbeit, dass sie Korrekturen vom Ausbilder konstruktiv umsetzen würden. Lässt man sie nicht hetzen wie sie wollen, verlassen sie meist das Feld.

Die einmalige Begabung des Border Collies ist bei diesen Hunden nur noch in Überresten zu sehen. Diese Erfahrung machen alle Ausbilder von Border Collies. Ebenso fällt auf, dass auf Hüteseminaren im Vergleich zu vor zehn Jahren immer weniger begabte Hunde zu sehen sind. Viele Border Collies muss man locken, damit sie um die Schafe laufen. Welch ein Abstieg für den faszinierenden Spezialisten!

Wo aber nun hin mit dem Problemhund? Als Haushund ist er zu unausgeglichen, als Arbeitshund mental nicht mehr geeignet. Eine "Therapie" an Schafen, die nur der Auslastung des Hundes dient, ist aus tierschutzrechtlichen Gründen nicht haltbar. Schafe sind keine Spielzeuge für Hunde.

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