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18.06.2008 Susanne Müller-Rielinger, geprüfte Tierpsychologin (ATN)

Kleine Hunde haben besondere Bedürfnisse

Kleine Hunde in ihrer Vielfalt sieht man recht oft in Deutschland. Nicht nur, dass kleine Hunde bei den Reichen und Schönen gut in die Handtasche passen, auch so sind kleine Hunde nette Begleiter in unserem Alltag. Dabei muss man aber bedenken, dass kleine Hunde eben auch Hunde sind, die Erziehung brauchen und ganz besondere Bedürfnisse haben.

Kleine Hunde: ein Mischling. (Foto: Susanne Müller-Rielinger)

Kleine Hunde sind für viele Menschen besonders praktisch: Meist haben sie ein ähnliches Bewegungsbedürfnis wie große Hunde, können aber auf Reisen entweder auf dem Schoß oder in einer kleinen Tasche leicht überall hin mitgenommen werden. Selbst im Urlaubsdomizil ist es oft weniger problematisch, einen Hund kleiner Rasse mitzubringen als einen großen.

Nicht alle kleinen Hunde haben ein ruhiges Wesen 

Als Interessent für solche Hunde darf man aber nicht davon ausgehen, dass kleine Hunde immer "anhängliche Begleiter mit einem sanften und zärtlichen Wesen" sind und "darüber hinaus als ruhig gelten", wie es beispielsweise in der Rassebeschreibung über den King Charles Spaniel (FCI-Gruppe 9, ca. 25-27 cm Widerristhöhe) zu lesen ist. Denn viele kleine Hunderassen wurden für bestimmte Aufgaben gezüchtet: der Dachshund (Dackel) für die Jagd unter der Erde, aber auch um verwundetes Wild aufzustöbern oder aus dem Unterholz zu treiben. Der Jack Russell Terrier für die Jagd auf Füchse, Ratten, Mäuse, Kaninchen und Kleinwild. Auch der Brüsseler Griffon wurde als Rattenjäger gezüchtet. Vielen ist nicht bekannt, dass der beliebte Westie (West Highland White Terrier, FCI-Gruppe 3, ca. 28 cm Widerristhöhe) ebensolch eine Geschichte in seinen Genen mit sich trägt. Die Jagd war damals eher gut gestellten Bürgern möglich, die Hunde wurden als Meute gehalten. Die Zuchtauswahl traf dann Hunde, die selbstständig erfolgreich auf der Jagd waren. Ob diese Hunde auch im täglichen Umgang einfach und unkompliziert waren, spielte eine untergeordnete Rolle. Aber in unserem modernen Leben müssen wir auf die besonderen Bedürfnisse unserer kleinen Begleiter eingehen und ihre rassetypischen Eigenschaften berücksichtigen.

Kleine Hunde schon als Welpen an andere (große) Hunde gewöhnen 

Dem Welpen sollten wir das Spiel mit Gleichaltrigen ermöglichen. Hierbei ist es für eine gute Sozialisierung unseres Welpen wichtig, dass er möglichst viele andere Hunderassen kennenlernt. Eine gute Hundeschule mit Welpengruppe zeichnet sich dadurch aus, dass beim Spiel stets darauf geachtet wird, dass der kleine Hund nicht gemobbt wird. Der Hund soll ja nicht lernen: großer Hund = jagt mich = Angst. Als mögliche Folge können sich Angst und aggressives Verhalten entwickeln. Das wäre der denkbar schlechteste Lernerfolg in einer Welpengruppe. Manchmal kann man auch beobachten, dass der kleine Hund sich durch Wegrennen vor seinen großen Verfolgern retten will. Runde um Runde hetzt der Kleine mit den Verfolgern an der Rute in Kreisen um seinen Mensch. Auch hier wird ein kompetenter Trainer dem kleinen Hund zeigen, dass man durch Innehalten und kurz bei-seinem Mensch-bleiben solche Hetzspiele abbrechen kann. Es ist wichtig, dass man als Besitzer eines kleinen Hundes weiß, dass der Hetztrieb eines großen Sichtjägers durch das Wegrennen eines kleinen Hundes ausgelöst werden kann. Bringt man dem kleinen Hund frühzeitig bei, dass er Hetzspiele abbrechen kann, hat er eine sehr wichtige Strategie in seinem Leben schon gelernt. Denn die als Welpe erlernte, erfolgreiche Strategie wird der Hund in späteren Situationen stets leicht abrufen können.

Kleinen Hunden auf Augenhöhe begegnen

Von Seiten des Mensch-Hund-Umgangs und der Pflege sollten wir uns die Proportionen immer mal wieder vorhalten: ein Mensch wiegt durchschnittlich 60 kg, ein Hund kleiner Rasse durchschnittlich 6 kg, das ist ein Zehntel! Ein vergleichbares Gewichtsverhältnis haben wir bei einem durchschnittlichen Warmblutpferd von 600 kg. Mal abgesehen davon, dass viele Menschen Angst davor haben, nah an Pferde heranzugehen, ist der Gedanke, das Pferd beugt sich über uns und wollte uns mit seinem Maul beknabbern und mit den Hufen berühren, für viele doch eher gruselig. Wenden wir uns daher der Pflege unseres kleinen Hundes künftig etwas bewusster zu: beim Halsband oder Gurt-Anziehen einfach in die Hocke gehen, anstatt sich mit dem Körper über den Hund zu beugen. Wem das körperlich schwer fällt, der kann auf einem Stuhl sitzend den Hund mit einem Ruf auf seinen Schoß locken und ihm dort das Halsband anlegen. Denn die meisten kleinen Hunde mögen es nicht, wenn ein Mensch sich über sie beugt. Deutlich wird diese Abneigung besonders bei Pflegemaßnahmen: ziependes Kämmen, Abtrocknen, Ohren- und Krallenpflege werden zitternd überstanden, im schlimmsten Fall drohend abgewehrt. Die Lösung ist denkbar einfach: man kann sich einen alten Tisch mit weichen Tüchern bereitstellen, auf dem der Hund immer die leckersten Bissen (Hähnchenfleisch, Käse o.ä.) erhält, wenn er sich ruhig verhält. Dann nach und nach die Pflegemaßnahmen vornehmen: zunächst langsam abtrocknen, innehalten, loben. Mit der Zeit verknüpft der kleine Hund dann nicht mehr die Pflegemaßnahmen mit einer bedrohlichen Situation, sondern mit leckeren Sachen. Außerdem ist er ja enorm groß - auf Augenhöhe quasi.

Kleine Hunde beim Spaziergang gut auslasten

Sobald der kleine Hund ausgewachsen ist, kann man die Dauer der Spaziergänge und die Intensität steigern. Viele Terrier-Besitzer wundern sich, dass ihr Hund nach einem zweistündigen Spaziergang zu Hause erst richtig loslegt. Gestalten Sie daher die Spaziergänge so abwechslungsreich wie möglich: Dackel, Russel und Co. können auf alten Baumstämmen kletternd ein "Würstchendepot" finden, über den Weg rollende Leckerchen sind ein Riesenspaß. Futterbeutel gibt es auch in Größe S, und wir sind immer wieder erstaunt, wie energisch ein kleiner Hund nach seinem Futterbeutel in hohem Gras suchen kann. Man kann auch kleine Apportiergegenstände selbst bauen: bunte Kindersocken mit Sand füllen, zuknoten - fertig! Wenn diese Gegenstände nur für die Spaziergänge genutzt werden, sind sie noch attraktiver und lasten den Hund auch kopfmäßig aus. Gerade der Jagdtrieb manches Terriers oder Dackels kann durch abwechslungsreiche Spaziergänge kanalisiert werden. Nebenbei verbessert das die Bindung und den Gehorsam, und macht allen Beteiligten vor allem eins: viel Spaß!

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weitere Bilder:

Kleine Hunde: ein Havaneser. (Foto: Heidi Raab, Steinbach)
Kleine Hunde: ein Bichon Frisé mit Welpen. (Foto: Heidi Raab, Steinbach)
Kleine Hunde: ein Yorkshire-Terrier-Mix. (Foto: Heidi Raab, Steinbach)
Kleine Hunde: Malteser-Mischlinge. (Foto: Heidi Raab, Steinbach)