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20.09.2007 Marita Grasshoff, Herdenschutzhund-Service e.V.

120 Kangale in Not

Am Samstag, dem 25.08.2007, wurde in Norddeutschland eine Kangalzucht durch das Veterinäramt gestoppt. Seit einigen Jahren stand hier ein Züchter immer wieder im Brennpunkt der Behörde, nun hatte die Vermehrung von Hunden der Rasse Kangal ein gigantisches Ausmaß angenommen.

Alle Fotos zeigen Hunde der Auflösungsaktion (Fotos: E. v. Buchwaldt)

Was in der Vergangenheit als Hobbyzucht mit Herzblut angefangen hatte, ist zu einer regelrechten Kangalfabrik ausgewachsen. Leider sind dabei die Haltungsbedingungen für die Tiere im gleichen Maße schlechter geworden. Das Veterinäramt machte Auflagen, um die Missstände abzubauen. Doch durch die mangelnde Nachfrage an Kangalen war kein Geld mehr vorhanden, diese zu erfüllen. Inzwischen war der Tierbestand auf mehr als 120 Kangale angewachsen und auf Grund von Geldmangel konnten die Tiere nicht einmal mehr regelmäßig gefüttert werden. Laktierende Hündinnen fraßen ihre Welpen, da sie Hunger hatten. Krankheiten breiteten sich auf dem Hof aus. Die Hunde kämpften um ein Stückchen Futter. Die verantwortliche Züchterin sah sich außer Stande, dagegen anzuarbeiten und gleichzeitig die Versorgung der Tiere zu gewährleisten. Ihr auf dem Hof verbliebener Ex-Lebensgefährte sagte zu, die Hunde allein zu versorgen. Entsprechend der nicht zu bewältigenden Aufgaben sahen dann die Umstände vor Ort aus.

Liebhaber der Rasse Kangal haben sich nun zusammengeschlossen und in einer bundesweiten Aktion mehr als zwei Drittel des Bestandes in privaten Tierheimen und Pflegestellen untergebracht. Das Veterinäramt Diepholz hat mit seinen kompetenten Mitarbeitern und der Bereitschaft zur Kooperation mit privaten Vereinen bewiesen, dass Missstände nur unter der Mithilfe aller abgeschafft werden können.

Der Hilferuf von E. v. Buchwaldt und dem Herdenschutzhund-Service e.V. wurde von vielen gehört und folgende Vereine und Personen haben in unermüdlicher Arbeit unter schwersten Bedingungen geholfen:

Der Verein Kangal & Co. e.V., der Fahrzeuge anmietete und Freiwillige gefunden hat, die mehr als 1.500 km gefahren sind, um Tiere auf die entsprechenden Pflegestellen zu bringen.

Der Verein Tierschutzliga e.V., die Material stellten sowie Tiere aufgenommen haben.

Der Tierschutzverein Sulingen mit seinen Mitarbeitern, die im Vorfeld bereits Futter und Decken gesammelt haben.

Der Verein Weiße Pfoten, der sich rührend um trächtige Hündinnen kümmern wird.

Tierpension Grimm, die tatkräftig beim Chippen der Hunde und Einfangen der Tiere geholfen haben, sowie auch Tiere zu einem Spezialpreis aufgenommen haben.

Liebhaber und Freunde rund um die Podhalaner haben in ihrem unermüdlichen Einsatz die Helfer vor Ort mit Nahrung und Getränken versorgt und mit Material für die Hunde. Sie waren Tag und Nacht bei der Organisation behilflich. Selbst aus Holland war man angereist.

Eine Gruppe türkischer Landsleute um Huso und Boris, die es sich nicht haben nehmen lassen, ihren Nationalhunden zu helfen. Sie sind dabei mehr als 24 Stunden auf den Beinen gewesen, um zu beweisen, dass sie ein Herz für Tiere haben.

Das Veterinäramt Diepholz mit der Bereitschaft zur Räumung an einem Wochenende.

Der Polizei des Landkreises, die eine Extraschicht eingelegt hat, um eine eskalationsfreie Übernahme zu sichern.

Viele Freunde und Bekannte, die im Hintergrund Aufgaben übernommen haben, die wichtig waren.

Leider mussten einige Tiere zurückgelassen werden, da nicht genügend Pflegestellen vorhanden sind. Sie sind unter dem Schutz des Veterinäramtes und des Vereins Herdenschutzhund-Service e.V. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Vereins befindet sich vor Ort und gewährleistet die ordnungsgemäße Versorgung der verbliebenen Tiere bis sich weitere Pflegestellen anbieten. Auch diese Tiere müssen noch herausgeholt werden.

In diesem Zusammenhang bitten wir um weitere Unterstützung, da die Behörden sich nicht im Stande sehen, für die Kosten einer Zuchtauflösung aufzukommen.

Wir benötigen dringend Geld und bitten im Namen der Hunde um Spenden egal in welcher Höhe, denn bei der Räumung zählten auch die vielen Helfer und nicht einer allein!!!

Der Verein Herdenschutzhund-Service e. V. hat ein Sonderkonto unter dem Stichwort Kangal/Hundefinder.de eingerichtet:

Kto Nr. 548 648 301

BLZ 251 900 01

Verwendungszweck: Kangal/Hundefinder.de

Hannoversche Volksbank

SWIFT: VOHADE2HXXX

IBAN: DE582519000548648301

Jeder, der eine Möglichkeit hat, ein oder zwei Kangal aufzunehmen oder einen Platz in einer guten Tierpension sponsern möchte, meldet sich bitte dringend unter info@Herdenschutzhund-Service.de, Stichwort Kangal-Aktion.

Ebenso bitten wir alle Liebhaber der Rasse Kangal sich nach einem entsprechenden Endplatz umzusehen, da die Hunde endlich eine gesicherte Zukunft brauchen.

Der Verein Herdenschutzhund-Service e. V. bedankt sich bei allen Helfern und Aktiven bei der Aktion Kangal. Die Auflage zur absoluten Verschwiegenheit wurde von allen Helfern bis zum Aktions-Termin eingehalten. Wir sind überwältigt gewesen von den vielen Freiwilligen, die vor Ort waren und geduldig auf ihren Einsatz warteten. Weiterhin danken wir allen für den eskalationsfreien Ablauf der Aktion. Wir sind stolz darauf solche Menschen zu kennen!!

Die Koordination der Hilfsgüter erfolgt unter http://paepers.plusboard.de/gaststube-f11.html, hier können auch weitere Pflegestellenangebote eingestellt werden. Für alle Tiere hat der Verein Herdenschutzhund-Service e. V. im Auftrag des Veterinäramtes die Verantwortung übernommen.

Für die Vermittlung ist zuständig: E. Rösner Tel. 0172 4008020 oder 039031 95714.

Angebote für Pflegestellen und neue Zuhause für die Hunde nimmt http://www.kangal-dog.de/2.html entgegen.

Augenzeugenbericht - Kangale benötigen Hilfe

Am 25. August 2007 wurde eine Vermehrungsfabrik für Kangale geschlossen. Doris war vor Ort dabei und berichtet über die erscheckenden Bilder, die sich ihr boten...

Es ist einfach schwer zu schreiben. Ich habe mir eben die Fotos angesehen und mir sind die Tränen wieder in die Augen geschossen. Wo soll ich anfangen? Beim Geruch? Beim Zustand der Hunde? Es sind so viele Eindrücke zu verarbeiten. Aber letztendlich bin ich froh, dass ich mit anpacken konnte.

Als wir am Hof ankamen, hatte die ganze Aktion gerade angefangen. Die Hunde bekamen durch einen Schlauch Wasser ins Gehege in die dort stehenden Eimer gefüllt und inhalierten dies einfach nur. Sie konnten gar nicht schnell genug am Wasserstrahl trinken und tranken so viel, dass sogar mehrfach nachgegossen werden musste.

Am Anfang des Hofes sah es ganz gut aus. Zwei Zwinger, einer mit drei propperen Welpen, die sich in der Sonne aalten und einer, mit einer Mutterhündin und Welpen, die ganz propper aussahen. Ging man um das Gelände herum, hatte man aber schon Schwierigkeiten, in die anderen Gehege zu schauen, da alles meterhoch mit Brennnesseln umwuchert war. An einer Stelle konnte ich an einen Verschlag ran, in dem auch eine Hündin mit Welpen saß. Sie steckte sofort den Kopf durch die schmalen Stäbe und wollte einfach nur liebgehabt werden. Auch die Welpen waren sehr freundlich. Aber ich hatte schon einen Riesenschreck, wie mager alle aussahen.

Dann gingen wir auf das Gelände, wo die Registrierung begonnen hatte. Die meisten der Hunde waren nicht gechippt und mussten also erst mal alle angelockt, notfalls eingefangen und überprüft werden. Wer keinen Chip hatte, bekam einen. Auch hier fiel mir wieder auf, dass man an den Hunden die Rippen einzeln zählen konnte. Aber die Gehege waren relativ groß und mit Gras bewachsen und sahen einigermaßen trocken aus. Auch hatten diese Hunde die Gelegenheit in eine Art Stall zu gehen.

Dann verlagerte sich das ganze Geschehen in den hinteren Teil des Geländes und es wurde immer schlimmer. Die Gehege wurden kleiner, teilweise waren es "Verschläge". Es saßen mehrere Hündinnen mit einem Rüden zusammen. Viele hatten Wunden, Milben und andere Krankheiten. Je weiter man nach hinten kam, desto magerer wurden die Hunde. Sehr, sehr oft hörte ich von der Amts-Veterinärin - übrigens eine zupackende und kompetente Frau - "Ernährungszustand mäßig bis schlecht" oder "schlecht". "Pflegezustand schlecht".

Ich habe in keinem der Gehege Kot in "Wurstform" gesehen, alles weich und matschig. Teilweise fraßen die Hunde ihren eigenen Kot. Wenn Futter da war, lagen Hundeflocken im Dreck, aus dem sich die Hunde diese raussuchen mussten. In vielen Gehegen war Schlamm. Es waren Hunde vom Welpenalter (5 Wochen) bis Erwachsene vorhanden. Die meisten Hunde sind nie aus ihren Gehegen, geschweige denn vom Gelände, heruntergekommen. Sie kennen einfach NICHTS. Die Angstschreie, wenn man ihnen nur ein Halsband anlegen wollte, werde ich so schnell nicht vergessen. Harry hat eine Mordsarbeit geleistet, die meisten der erwachsenen Hunde hat er auf seinen Armen vom Hof getragen. Andere haben wir eben zu zweit genommen, oder auch einzeln getragen, wenn es leichtere Junghunde waren. Und trotz aller Angst haben die Hunde bei der leisesten Ansprache noch mit dem Schwanz oder zumindest mit der Schwanzspitze gewedelt. Keiner der Hunde hat auch nur geschnappt. Den ganzen Tag lang wurde nicht ein einziger Mensch gebissen.

Ich finde es toll, wie gut von Seiten des Tierschutzes und des Veterinäramtes alles organisiert war. Alles verlief reibungslos und Hand in Hand obwohl sich die meisten der Leute untereinander überhaupt nicht kannten. Das war mit Sicherheit nur ein Teil der ganzen Arbeit, das meiste ist von den Pflegestellen und Vereinen jetzt erst zu leisten. Die Hunde müssen verpflegt und medizinisch versorgt sowie an die Umwelt gewöhnt werden. Ich drücke allen einfach nur die Daumen...

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