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01.11.2005 Swantje Winkes, Hundeschule Familienhund-Akademie

Hundeerziehung mit Elektroreizgeräten

Eine Betrachtung über den Einsatz und die Risiken von elektrischen Impuls-Halsbändern für Hunde

Es gibt viele Menschen, die Hunde halten und es gibt auch sehr viele Menschen, die Probleme mit ihrem Hund haben. Häufige Probleme sind: Jagen gehen und Aggressionen. Wenn der Hund also nicht so funktioniert, wie sein Halter es möchte, dann wird nach Möglichkeiten gesucht, wie man das Problem lösen kann.

In der Hundeerziehung wird dann häufig zu einem Elektrohalsband gegriffen. Dieses Halsband ist mit einem Empfänger und elektronischen Kontakten ausgestattet, wobei die Kontakte auf der Haut des Hundes aufliegen. Der elektrische Impuls, der durch einen Handsender vom Halter ausgelöst wird, ist meist individuell in der Stärke und Intensität einstellbar. Der Gedanke, der dahinter steht: Auf größere Entfernungen auf seinen Hund einwirken zu können. Durch diese Möglichkeit werden Stromgeräte nicht nur bei akuten Problemen eingesetzt, sondern finden ihren Einsatz häufig sogar in der Grundausbildung bei verschiedenen Hundesportarten. Laut Hersteller ist dies eine humane und effektive Erziehungshilfe für den Hund. Vorausgesetzt natürlich, dass es sachkundig angewandt wird.

Einige dieser Geräte haben sogar 20 Stärkegrade, wobei sich Handelsvertreter des Produktes schon bei Stufe 3 weigern, sich das Gerät um das Bein zu legen, wohlgemerkt mit Hose. Nun, wie viel empfindlicher ist denn bitte ein Hals? Manchmal haben Hunde auch nasses Fell. Elektrizität und Wasser? Wasser leitet ja bekanntlich sehr gut.

Die Reichweite geht bis zu 1 km ("die 1000-Meter-Leine"). Kann ich in jedem Gelände einsehen, welche Reize in 800 m Entfernung auf meinen Hund einwirken, wenn ich den Elektroimpuls auslöse? Ist es vielleicht der Jogger, den mein Hund mit dem Schmerz verknüpft? Kann ich alle Umweltreize ausschließen? Etliche Hunde hetzen nach einer Impulsgebung einfach weiter, und sind dann auch schnell außerhalb der Reichweite des Gerätes angelangt, was meist zu einer Erhöhung der Stromstärke und somit zu einer Gewöhnung führen kann. Dann gibt es auch noch die Hunde, die aufgrund der Impulsgebung in Panik geraten und sich noch weiter vom Hundehalter entfernen, vielleicht sogar über eine befahrene Straße laufen. Human und effektiv?

Professionelle Verhaltensforscher wie Frau Dr. Feddersen-Petersen von der Universität Kiel haben sich sehr intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt und widersprechen dieser Aussage. Mir begegnen durch meine Tätigkeit als Hundeverhaltenstherapeutin leider auch oft die Hunde, an denen sich die fleißigen Knöpfchendrücker, alles "ausgewiesene Fachleute", wie Jäger oder Hundetrainer ausgetobt haben und bei denen es zu Fehlverknüpfungen und "unerwünschten" Reaktionen wie Angst und/oder Aggression kam und wo ein dauerhaftes Fehlverhalten zu erheblichen Problemen im alltäglichen Umgang führte. Das Problem, weswegen man das Impulsgerät eingesetzt hatte, wie z.B. das Jagen blieb allerdings weiterhin existent.

Obwohl es verboten ist und der Einsatz dieser Geräte nachweisliche Schäden an der Gesundheit, psychisch wie physisch, des Hundes anrichtet, ist es in einigen Kreisen der Hundeerziehung und Ausbildung Gang und Gäbe, Elektroreizgeräte zu verwenden. Als Hundehalter ist man manchmal auf die Hilfe von Fachleuten angewiesen und vertraut deren Urteilsvermögen. Manchmal wird es sogar als eine Qualitätsbezeichnung hervorgehoben, wenn Elektroreizgeräte, egal wie sie bezeichnet werden (Teletacker, 1000 m Leine, Stromreizgerät, Impulsgeber, unsichtbarer Zaun, ja es gibt sogar die Bezeichnung energetische Heildressur) verwendet werden. Tatsächlich ist das dann ein Mensch, der sich nie mit dem Lernverhalten von Lebewesen und schon gar nicht mit dem Wesen der Hunde auseinandergesetzt hat. Von solchen Fachleuten sollten Sie die Finger lassen. Egal wie gut sie sich verkaufen können und welche Erfolge sie angeblich schon erzielt haben. Diese Menschen setzen sich sogar über das in Deutschland geltende Recht hinweg.

Der Einsatz dieser Geräte ist nach §3 Abs. 11 Tierschutzgesetz nicht erlaubt: "Es ist verboten ein Gerät zu verwenden, das durch direkte Stromeinwirkung das artgemäße Verhalten eines Tieres, insbesondere seine Bewegung, erheblich einschränkt oder es zur Bewegung zwingt und dem Tier dadurch nicht unerhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt, soweit dies nicht nach bundes- oder landesrechtlichen Vorschriften zulässig ist." Tatsächlich ist keine einzige landes- oder bundesrechtliche Regelung zu finden, die den Einsatz der Geräte erlaubt. Allerdings gibt es einige Gerichtsurteile, die sich gegen den Gebrauch aussprechen. Diese Urteile werden von den Herstellern als Einzelurteile und mit der Begründung abgetan, dass es nur auf den fachgemäßen Gebrauch dieser Geräte ankommt, um Schmerzen, Leiden oder Schäden zu vermeiden. Der Verkauf von Elektroreizgeräten ist interessanterweise nicht verboten.

Es gibt kein Problem und auch keinen Hund auf dieser Welt, bei dem der Einsatz von Elektroreizgeräten zu verantworten oder zu rechtfertigen wäre. Im Gegenteil: Das ursprüngliche Problem wird selten gelöst, aber dafür entstehen oft etliche andere. Ein Elektroreizgerät, egal wie es genannt wird, kann niemals eine konsequente, vertrauensvolle Ausbildung und eine sorgfältige Sozialisation und Erziehung ersetzen oder ergänzen. Tatsächlich erreicht man mit Sachverstand und konsequent angewandten Lerntheorien wesentlich schneller sein Ziel: Hunde, die korrekt, sauber, zuverlässig und freudig mitarbeiten.

Manchmal ist es erforderlich etwas Neues zu lernen oder sogar umzudenken. Immer bedeutet es, dass man sich mit dem Lebewesen Hund auseinandersetzen muss. Wer dazu nicht bereit ist, der sollte sich wahrhaftig überlegen, einen Hund zu halten.

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