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15.02.2006 Petra Führmann, Hundeschule Aschaffenburg

Der wildernde Hund

Wildernde Hunde sind für viele ein Problem: Für den Hundehalter, der sich zu recht Sorgen um seinen Hund macht, für den Jagdpächter, der sein gehegtes Wild lieber selbst selektiert, für den Autofahrer, dem ein Hund oder vom Hund gehetztes Wild vors Auto springt und nicht zuletzt für das gejagte Wild selbst. Frau Petra Führmann, Betreiberin der Hundeschule Aschaffenburg und Mitautorin des Buches "Erziehungsprobleme beim Hund", hat uns Auszüge aus dem Buch zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen finden Sie im Buch "Erziehungsprobleme beim Hund" von Petra Führmann und Iris Franzke.

Das Argument, dass unserem Wild ja die natürliche Auslese fehle und deshalb Hunde ruhig hin und wieder ein wenig hetzen dürften, kann leider so nicht akzeptiert werden. Natürlich fehlen im deutschsprachigen Raum weitgehend Beutegreifer, aber Hunde können diese keinesfalls ersetzen. Zum einen fehlt bei unserem Haushund die Einsicht, wann eine Jagd erfolgversprechend ist oder nicht. Kein Wolf würde ein Reh weiterhetzen, wenn er keine Aussicht auf Erfolg hat, sondern spätestens nach einigen hundert Metern die Jagd abbrechen, um Energie für künftige Jagdeinsätze zu sparen.

Hunde hingegen hetzen teilweise bis zur völligen Erschöpfung, was für das Reh ebenfalls eine enorme Verausgabung bedeutet. Eine Vorauswahl hinsichtlich von alten, jungen oder kranken Tieren wird vom Hund ebenfalls nicht getroffen. Davon abgesehen ist die Gefahr, überfahren zu werden für den wildernden Hund natürlich sehr groß. Im übrigen hat der Jagdpächter auch das Recht, wildernde Hund zu erschießen. Die weitaus meisten Hunde aber kommen während des Hetzens durch den Straßenverkehr zu Tode, was nicht zuletzt auch für die beteiligten Autofahrer eine erhebliche Gefährdung bedeutet.

Jagen zählt selbstverständlich zu den angeborenen Verhaltensweisen eines jeden Hundes. Rassebeschreibungen, in denen behauptet wird, dass diese oder jene Rasse nicht jagen würde und damit der ideale Begleiter für Menschen, die am Waldrand wohnen oder Reiter bedeute, müssen mit allergrößter Vorsicht betrachtet werden. Im großen und ganzen betrachtet, gibt es natürlich Rassen, die etwas weniger Jagdpassion aufweisen als andere. Aber pauschal einen "Nichtjäger" erwerben zu wollen, gleicht doch mehr einem Lotteriespiel.

Zwei unserer eigenen Hunde geben hierfür ein gutes Beispiel: Shean ist ein großer Jäger, der im Wald und Feld in jeder Sekunde gut beobachtet werden muss, da er stets auf der Suche nach Rehen oder Hasen ist. Sichtet er Wild, kann er zwar problemlos abgerufen werden, das dazugehörige Training allerdings war nicht ganz so einfach. Red hingegen, der bei Iris Franzke lebt, ignoriert selbst Rotwild, das direkt vor seiner Nase den Weg kreuzt, vollständig. Beide Hunde gehören der Rasse des Australian Shepherd an, denen ja häufig nachgesagt wird, der ideale, nicht jagende Reitbegleithund zu sein.

Was also tun, wenn sich beim Junghund oder erwachsenen Hund Jagdverhalten
einstellt?

"Anti-Jagd-Kampagne" beim Hund:

1. Basisgehorsam verbessern

Das Mittel der Wahl ist hier die Schleppleine. Beginnend an der 5-m-Leine mit der Übung "Verunsicherung auf Distanz". Prescht der Hund häufig unvermittelt los, sollten Sie ihm ein Brustgeschirr anlegen. Reagiert der Hund gut auf Richtungswechsel können Sie zur 10-m-Leine wechseln. Handschuhe tragen nicht vergessen! Halten Sie die 10-m-Leine stets mit beiden Händen vor Ihrem Körper – um Ihren Rücken zu schonen! Beginnen Sie, ein neues Kommsignal einzuüben.

2. Basisregeln beachten

Die Beachtung allgemeingültiger Regeln im Haus sollte selbstverständlich sein und vollständig und ohne Ausnahme geschehen.

Eine Anmerkung dazu: Heute ist es "modern" geworden, den Sinn und die Notwendigkeit der Einhaltung von gewissen Regeln im Umgang mit dem Hund zu verneinen. Dazu möchten wir an dieser Stellung nur kurz Stellung nehmen: Natürlich haben sich gerade in den letzten Jahren neue Erkenntnisse in punkto Wolfsverhalten ergeben (im deutschsprachigen Raum nicht zuletzt dank Günther Bloch), die hochinteressant sind. Aber: Keinesfalls lassen sich diese Erkenntnisse eins zu eins auf unseren Haushund übertragen. Zum zweiten haben sich diese Regeln schlicht und ergreifend als praktikabel, sinnvoll und erfolgreich erwiesen.

3. Futter reduzieren

Verwenden Sie ein kalorienreduziertes Futter oder ersetzen Sie mindestens die Hälfte des Futters durch gekochten Reis. Optimal wäre, wenn Ihr Hund zu Hause überhaupt nichts mehr zu fressen bekommt, sondern sich alles Futter draußen erarbeiten muss. Suchspiele, Leckerchenrollen, Fährtenarbeit sind optimale Mittel, den Hund zum einen mehr auszulasten und zum anderen, ihm Spaß mit seinem Besitzer zusammen zu vermitteln. Lassen Sie Ihren Hund Ihre eigene (oder von anderen Personen) Menschenfährte suchen.

Als Jackpot sollten Sie ab sofort stets ein Hundefutterschälchen bei sich tragen. Dies macht natürlich nur Sinn, wenn Ihr Hund nicht zu Hause gleichwertiges oder gar besseres Futter bekommt. Hundefutterschälchen (mit Dosenfutter) haben den Vorteil, dass Sie einen leicht zu transportierenden Jackpot (= super tolle Belohnung) darstellen und der Hund direkt aus dem Schälchen fressen kann. Weitere besonders gute Belohnungen sind für viele Hunde Lachsleckerchen, die es in sehr guter Qualität im Handel gibt.

4. Üben an der Schleppleine

Üben Sie erst einmal das Kommen an der Schleppleine bei wenig und mittlerer Ablenkung. Lässt Ihr Hund sich problemlos aus einem fröhlichen Spiel mit anderen Hunden herausrufen? Nein? Lässt sich Ihr Hund angesichts eines Spielkameraden am Ende der Hundewiese auf Entfernung ins Platz rufen? Nein? Dann können Sie auch keinesfalls erwarten, dass Sie ihn angesichts eines Hasen oder eines Rehs stoppen können. Diese beiden Punkte sollten Ihr erstes Etappenziel sein.

In der Zwischenzeit meiden Sie wildreiches Gebiet. Natürlich lässt sich das nicht so problemlos steuern, aber mit etwas Nachfragen bei anderen Hundebesitzern und beim Jagdpächter, kann man schon einiges in Erfahrung bringen.

Bis Sie Ihre oben genannten Etappenziele nicht erreicht haben, sollten Sie Ihren Hund nicht von der Schleppleine lassen. Jagen ist eines der selbstbelohnendsten Verhalten. Dies trifft natürlich auf alle Jagdsequenzen zu, nicht nur auf das "richtige Beutemachen". Ihr Hund hat also genügend Spaß am Suchen, Aufstöbern und Hinterherlaufen, ohne dass er auch nur einmal wirklich ein Tier erwischt. Entwischt Ihnen Ihr Hund beispielsweise nur alle 12 Wochen einmal, reicht dies u.U. problemlos aus, um seinen "Appetit" darauf in voller Intensität aufrechtzuerhalten.

5. Belohnungen

Belohnen Sie zu Beginn des Trainings das Kommen oder Abliegen in Situationen mit mittlerer Ablenkung fürstlich – Jackpot nicht vergessen. Je besser es klappt, desto mehr können Sie die Qualität der Belohnung und die Häufigkeit herunterfahren. Aber Achtung: Nicht zu schnell vorgehen! Erst wenn das Verhalten zuverlässig sitzt, können Sie die Schwierigkeit steigern und die Belohnung reduzieren.

6. Übungen im Wildpark

Zusätzlich sollten Sie einen Teil der Übungen in einen Wildpark verlegen. Achtung: Wenn Sie das erste Mal einen Wildpark aufsuchen, haben Sie einen sehr hungrigen Hund sowie exquisite Leckerchen (Lachskekse, gebratenes Hühnchenfleisch etc.) sowie mehrere Hundefutterschälchen dabei. Gerät Ihr Hund angesichts des Wildes oder nur aufgrund des Geruchs so außer sich, dass er selbst auf Ihre besonders guten Leckerchen nicht mehr reagiert, müssen Sie die Entfernung so groß wählen, dass er wieder ansprechbar ist.

Notfalls müssen Sie die Übung sofort abbrechen und an einem anderen Tag wieder kommen. Sobald Ihr Hund das Wild gewittert oder gesehen hat, üben Sie Komm oder Platz. Fürstlich belohnen! Mehrere Suchspielchen anschließen! Ihr Hund muss völlig begeistert von Ihnen sein, bevor Sie einige Meter weiter gehen. Natürlich können Sie Ihren Hund auch mit einem wilden Spiel belohnen, falls er das wirklich lieber mag. Sobald Ihrem Hund das Wild wieder einfällt, wiederholen Sie die Übungen (und die Belohnung und die Suchspiele etc.). Üben Sie so lange, wie Sie Ihren Hund noch zu freudiger Mitarbeit motivieren können. Dieses Prozedere sollten Sie so häufig wie irgend möglich wiederholen.

Natürlich verknüpft der Hund erst einmal die Übungen nur mit diesem bestimmten Ort bzw. Wildpark. Aber es ist ein erster Schritt! Wenn Sie in der Umgebung noch andere Wildparks aufsuchen können - um so besser. Häufig ist das Wild in Wildparks sehr zahm oder sogar aggressiv gegenüber Hunden am Zaun. Sollte Ihr Hund irgendeine Form von Unsicherheit zeigen – verstärken Sie das! Trösten Sie Ihren Hund und bedauern Sie ihn lautstark – das böse Reh!

Bei manchen Hunden nützen die beschriebenen Übungen allerdings gar nichts – sie reagieren nur auf flüchtendes Wild. Dies finden Sie evtl. noch in Dammwildgehegen auf dem Land, falls das Gehege sehr einsam liegt. Ansonsten können Sie mit solchen Hunden nur in natürlichen Situationen üben. Bevor Sie sich aber "auf die Jagd" machen, sollten folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Ihr Hund verfügt jetzt in allen anderen Situationen über einen ausgezeichneten Grundgehorsam, Abrufen von anderen Hunden ist kein Problem mehr und auch sonst klappt alles sehr gut.
  • Ihr Hund empfindet die Schleppleine als völlig normal und alltäglich.

7. Abbruchsignal

Üben Sie ein Abbruchsignal ein, am besten mittels Diskscheiben. Üben Sie einige Tage, bis die Reaktion auf die Diskscheiben gut gefestigt ist.

8. Jagd

Jetzt gehen Sie "auf die Jagd". Kontrollieren Sie vorher Stabilität und Reißfestigkeit von Halsband/Brustgeschirr und der Schleppleine! Eine zweite Person übernimmt die Diskscheiben (oder die Schleppleine - Tragen Sie Handschuhe und fassen Sie die Schleppleine mit beiden Händen.). Sie haben wieder einen hungrigen, evtl. auch schon ein wenig müden Hund sowie seine absolute Lieblingsbelohnung dabei.

Sobald Ihr Hund das erste Mal durchstarten möchte, erfolgt das Hörzeichen NEIN oder KOMM (je nachdem, was Ihnen lieber ist), evtl. unter Einsatz der Disk. Rennen Sie sofort danach schnell von Ihrem Hund weg (mit der Schleppleine in der Hand!). Loben dabei nicht vergessen! Hat Ihr Hund Sie eingeholt, sofort ausführlich belohnen – Jackpot, Suchspiele etc. so lange, bis Ihr Hund das Wild vergessen hat. Das kann u.U. einige Minuten dauern und jede Menge Aktion Ihrerseits erfordern. Je erregter Ihr Hund ist, desto mehr Bewegung müssen Sie ihm über gemeinsames Rennen, Leckerchenfangen etc. verschaffen, da er seine Erregung irgendwie abbauen muss.

Lässt sich Ihr Hund in dieser Situation auch durch die Disk überhaupt nicht beeindrucken, sollten Sie den Einsatz eines Sprühhalsbandes erwägen. Viele Hunde lassen sich durch einen kalten Wasserstrahl gut beeindrucken und werden wieder ansprechbar. Die derzeitig auf dem Markt erhältlichen Geräte sind allerdings noch nicht optimal ausgereift. Häufige Aussetzer und je nach Modell eine übermäßige Wasserempfindlichkeit (Hund darf keinesfalls damit schwimmen!) trüben die Freude über die an sich gute Erfindung. Empfehlenswert ist es unserer Meinung nach, den Sprühstoß als Verstärkung für das Abbruchsignal einzusetzen. Die Reihenfolge sieht also so aus: Hund sichtet Wild, Hörzeichen NEIN (oder KOMM), Hund reagiert nicht, max. 2 Sekunden später gleichzeitiger Einsatz von Disk und Sprüher, rumdrehen, weglaufen, Hund loben etc.

Das schreibt sich allerdings leichter als getan! Sinnvoll ist es, dass der Hundebesitzer die Schleppleine hält und das Hörzeichen gibt. Eine zweite Person betätigt dann nötigenfalls die Disk und den Sprüher, damit sich der Hundebesitzer ganz auf das Weglaufen und Loben konzentrieren kann.

Haben Sie die erste Begegnung erfolgreich hinter sich gebracht, hilft jetzt nur noch eines: Üben! Mit jedem erfolgreichen Jagdabbruch werden Sie sicherer und Ihr Hund gefestigter in seinen Reaktionen. Keinesfalls dürfen Sie die Schleppleine jetzt schon entfernen. Dies ist erst der Fall, wenn Sie Ihren Hund über Wochen hinweg von allen möglichen Wildarten erfolgreich gerufen haben!

Erst jetzt kommt der nächste Trainingsschritt: Seien Sie unaufmerksam!
Natürlich nicht wirklich, sondern nur so, dass Ihr Hund es glaubt! Nehmen Sie
eine Freundin oder Freund zum Spaziergang mit und plaudern Sie angeregt.
Natürlich haben Sie die Schleppleine in der Hand und beobachten Ihren Hund
möglichst unauffällig. Weisen Sie Ihre Begleitperson an, auch bei
Wildsichtung möglichst fleissig weiterzuerzählen, geben Sie Ihrem Hund kein
Signal, bis er das Wild – vermeintlich, bevor sein Mensch sie wahrgenommen
hat – erblickt. Erst jetzt rufen Sie Ihren Hund. Diese – hier gestellte –
Situation wird Ihnen sicher immer wieder passieren: Sie sind einen Moment
unaufmerksam und ihr Hund schneller als Sie. Aber auch diese Momente kann und
sollte man gezielt trainieren. Aber übertreiben Sie nicht: Einen Hund erst
dann abzurufen, wenn er im vollen Lauf ist, ist bei den meisten Hunden ein
Ding der Unmöglichkeit. Alle Sinne sind auf Jagd geschaltet – er kann seinen
Menschen gar nicht mehr hören!

Erst wenn auch diese Hürde erfolgreich gemeistert ist, können Sie dazu übergehen, mit schleifender Schleppleine spazierenzugehen.

Bei einem passionierten Jäger sollten Sie dann evtl. in diesem Stadium bleiben. D.h., wenn Sie sich in wildreiches Gebiet begeben, hängt die Schleppleine am Hund.

Sie haben wirklich alles so gemacht und es klappt trotzdem nicht?

Gönnen Sie sich und Ihrem Hund einen wirklich kompetenten Hundetrainer (Adressen erhalten Sie auf Anfrage von uns). Vielleicht gibt es noch die eine oder andere Schwachstelle in Ihrem Training, die Sie übersehen haben.

Eine weitere Möglichkeit ist in sehr seltenen Fällen der Einsatz eines Stromreizgerätes. Dies ist aber für die wenigsten Hunde geeignet. Auch diese Entscheidung und vor allem den Einsatz sollten Sie einem wirklich kompetenten Hundemenschen überlassen! Gerade mit einer so starken Negativeinwirkung können Sie Ihren Hund zu einem absoluten nervlichen Wrack machen. Tun Sie dies Ihrem Hund und sich bitte nicht an, nur weil ihr Nachbar es vielleicht empfiehlt. Leider ist es in der Realtität häufig so, dass viele Trainer und Hundebesitzer sich die Arbeit und Mühe einer ausführlichen Basiserziehung sparen wollen und lieber gleich zum "Knöpfchen" greifen. Dies ist dem Hund gegenüber in höchstem Maße unfair! Hiervon möchten wir uns deutlich distanzieren!

Nicht verschwiegen werden soll, dass es durchaus Jagdspezialisten unter den Hunden gibt, bei denen auch das sorgfältigste und ausdauerndste Training keinen dauerhaften Erfolg bringt. Auch dieses Urteil sollten Sie einem Fachmann überlassen. Für die meisten Hunde ist es durchaus in Ordnung, in wildreichem Gebiet eben an einer 10-m-Leine zu laufen – vorausgesetzt, Sie verschaffen Ihrem Hund genügend Bewegung und Beschäftigung.

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